Ein Bayer, der seine Brille zu Haus vergessen hatte, telegraphierte aus einem Urlaubsort in Österreich, man möge sie ihm nachschicken. So geschah es denn. Die Brille freilich erreichte den Kurzsichtigen keineswegs; sie verblieb auf dem Hauptverzollungsamt der Republik Österreich zu Wien. Dort wurde eine Postkarte ausgefertigt, auf der der Empfänger amtlich die Nachricht erhielt, er solle sich auf den Weg in die Hauptstadt machen, um die Sendung abzuholen. Zugestellt könne die Brille nicht werden, da die Gründlichkeit der österreichischen Zollvorschriften solches verbiete.

Die Entfernung vom Urlaubsort nach Wien betrug 120 Kilometer. Da der Bayer motorisiert war, wäre es ihm ein leichtes gewesen, zu einem Besuch im Wiener Hauptverzollungsamt aufzubrechen. Aber er hatte sich in den Kopf gesetzt, seinen ganzen Urlaub da zu verbringen wo er war, denn es war schön dort. So kaufte sich der Bayer dortselbst eine neue Brille und ließ das Hauptverzollungsamt wissen, daß er die Annahme der Sendung verweigere; die Brille wurde wieder nach Deutschland expediert.

Was für ein Vorzug, eine Hauptstadt zu besitzen, dachte der Bayer. Welche Perspektiven für den Tourismus, denkt man diesen österreichischen Brauch weiter: Vergäße ein Europäer in den USA auf Reisen seine Brille, so müßte er sich möglicherweise aus Kalifornien nach Washington begeben, um sie in Empfang nehmen zu können.

Die Gründlichkeit des Zolls mag an den Grenzen nachgelassen haben, im Innern des Landes scheint sie unübertrefflich zu sein. W. P.