Frankfurt am Main

An den Hochschulen für Erziehung in Frankfurt und Gießen wird das Wintersemester mit einigen Schwierigkeiten beginnen: Einige Hundert Studenten werden vergeblich auf drei Dozenten warten, von denen sie sich nichtsahnend nach Abschluß des Sommersemesters verabschiedet hatten. Besonders schmerzlich wird das jene treffen, die Seminar-Themen übernommen haben und nun „vaterlos“ geworden sind. So hatten sich in Frankfurt 80 Studenten für ein Seminar bei Dr. Klaus Schoenthal angemeldet, die nun darauf verzichten müssen, „politische Bildung“ zu erhalten. Schoenthal ist Experte für internationale Politik. Die Teilnahme an einem „Politseminar“ gehört zu den Voraussetzungen – der Abschlußprüfung.

Ihren Entschluß, sich künftig nicht mehr an der Ausbildung hessischer Volksschullehrer zu beteiligen, begründen die drei Dozenten damit, daß ihre Erwartungen bei der Übernahme der Lehraufträge nicht erfüllt worden seien. Der politische Lehrmeister Schoenthal, zuvor Kulturreferent im Amerikanischen Generalkonsulat in Düsseldorf, versichert, er sei unter der Voraussetzung nach Frankfurt gekommen, daß er hier bei der Übernahme in den Dienst des Landes nach der Gruppe A 14 (Oberstudienrat) besoldet werde. Jetzt sei ihm jedoch eine Ernennungsurkunde nach der Besoldungsgruppe A 13 (Studienrat) zur Unterschrift vorgelegt worden.

Schoenthal unterschrieb nicht und legte „Widerspruch im Sinne der Verwaltungsgerichtsordnung“ ein. Vom hessischen Kultusministerium wurde er jedoch belehrt, „daß es sich bei der Ernennung zum Beamten um einen mitwirkungsbedürftigen Verwaltungsakt handelt“. Eine Ernennung und damit ein anfechtbarer Verwaltungsakt liege nur dann vor, wenn die Ernennungsurkunde bei der Aushändigung ohne Widerspruch entgegengenommen werde. „Da Sie die Annahme der Urkunde über Ihre Ernennung zum Studienrat im Hochschuldienst verweigert haben, fehlt es bereits an dem Erfordernis des Verwaltungsaktes, und es besteht infolgedessen keine Veranlassung, Ihren ‚Widerspruch zu bescheiden.“ In verständliche Umgangssprache übersetzt, hieß das also: Erst wenn du die Ernennungsurkunde zum „Studienrat im Hochschuldienst“ unterschrieben hast, darfst du dich darüber beschweren, daß du nicht zum Oberstudienrat ernannt worden bist.

An dieser Stelle ist ein „historischer“ Rückblick notwendig. Im Kulturbericht der Länderminister von 1962 wird auf Seite 102 die Einrichtung der beiden Hochschulen für Erziehung in Hessen gewürdigt: „Nach dem 1958 verabschiedeten Lehramtsgesetz erhalten die Lehrer aller Schularten ihre Ausbildung durch ein Studium an einer wissenschaftlichen Hochschule.“ Deshalb seien für die Ausbildung der Volks- und Realschullehrer an den Universitäten Frankfurt und Gießen Hochschulen für Erziehung eingerichtet worden.

Das Jahr 1963 brachte einige Änderungen. Nach der Besoldungsnovelle vom 9. Mai wurden aus den Dozenten mit „Hochschullehrer-Status“ die „Studienräte und Oberstudienräte im Hochschuldienst“, also sogenannte Laufbahn-Beamte. Dabei gingen nicht nur die Titel verloren, sondern auch die Mittel.

Hessische Pädagogen sehen darin weniger eine finanzielle Abmagerungskur als vielmehr einen Bruch in der hessischen Schulpolitik. Sie bringen die Besoldungsreform mit der Einrichtung pädagogischer Fachinstitute in Zusammenhang, die nach den Plänen des Kultusministeriums Lehrer für Werkunterricht, Zeichnen und Turnen ausbilden sollen. Mit einem neuen Ausbildungsweg für diese Fachlehrer soll nach den Vorstellungen in Wiesbaden der Lehrermangel behoben werden. Da für diese Lehrkräfte auch die mittlere Reife genügt, vermuten Kritiker der hessischen Schulpolitik, daß man sich im Kultusministerium scheute, die Ausbilder der „vollwertigen“ Volksschullehrer mit denen der Fachlehrer auf eine Stufe zu stellen.