REUTLINGEN (Spendhaus): „Gulbransson“

120 Arbeiten aus der Zeit von 1903 bis 1958, eine sehr liebenswerte Erinnerung an den vor fünf Jahren gestorbenen Meister Olaf Gulbransson. Originalzeichnungen für den „Simplicissimus“, Illustrationen zu Andersens Märchen, Landschaften, Interieurs, vor allem seine Porträts, mit sehr weichem oder sehr hartem Stift gezeichnet, extrem sensibel oder extrem brutal, ein großer Karikaturist, ein ebenso bedeutender Graphiker. Die Hans-Thoma-Gesellschaft hat die Ausstellung veranstaltet (sie dauert bis zum 10. November). Zwei alte Gulbransson-Freunde haben den Künstler gewürdigt, Emil Preetorius in einer Eröffnungsrede, Eugen Roth mit einem Beitrag im Katalog.

BREMEN (Kunsthalle): „Menzel“

In ihrer Reihe „Große europäische Zeichenkunst“ bringt die Bremer Kunsthalle jetzt – nach Ingres und Marées – Adolf Menzel, 200 Blätter, ein Viertel aus eigenem Bestand – Menzel wurde in Bremen immer mit Vorzug gesammelt. Günter Busch bekennt sich mit dieser Ausstellung und der temperamentvollen Einführung im Katalog vorbehaltlos zum Zeichner Adolf Menzel, dem Repräsentanten einer abgelebten Epoche, dem „Sklaven des Gegenstandes“, dessen ungezügelter optischer Hunger nach barer Realität dem modernen Betrachter kaum noch verständlich, ge-– schweige denn künstlerisch genießbar erscheint. Menzel hat alles gezeichnet, was ihm vor die Augen kam: Menschen, Gesichter, Architektur, Landschaft, Kostüme, Kerzenleuchter, den Arm eines schlafenden Kindes. Flüchtige Bleistiftnotizen und sorgsam ausgeführte Blätter in Kreide, Tusche, Aquarell. Naturstudien für bestimmte Gemälde oder „als Gelegenheitssachen für eventuell“, weshalb er die Blätter nicht aus der Hand gab, zu Tausenden im Atelier stapelte, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Menzel ist nicht pedantisch, nicht akademisch, es sei denn, er zeichnet Uniformröcke und Ordenssterne. Die Schärfe der Beobachtung frappiert und das, was über das Registrieren des Realen hinausgeht, die zupackende Aktivität der Linie, die eine Form, eine Bewegung anreißt oder einkreist, diese blitzende Lebendigkeit, die in seinen Bildern selten, in den Zeichnungen fast immer zu spüren ist. Eine wichtige Ausstellung, ein bemerkenswerter Versuch, die Vorstellung vom hoffnungslos antiquierten Menzel abzubauen. Die Blätter, darunter viele unbekannte Leihgaben aus Privatsammlungen, sind bis zum 1. Dezember in Bremen ausgestellt.

MÜNCHEN (Galerie Otto Stangl): „Campigli“

Bilder und Graphik von Massimo Campigli – bis zum 9. November. Ein herrlicher und eigensinniger Maler, der mit der Unbeirrbarkeit des Besessenen das immer gleiche Thema abwandelt, das Campigli-Thema: die Frau, die weibliche Figur, auf dem Balkon, auf der Treppe, im Raum, allein oder zu mehreren Exemplaren in Zellen oder Waben über- und nebeneinander geordnet, in Ocker und Umbra. Tongefäße, Amphoren, etruskisch und archaisch, eine irreale, sehr künstliche, sehr geheimnisvolle Welt, unpersönlich und unverwechselbar. Die einen nehmen Campigli gelangweilf, mit Achselzucken zur Kenntnis. Andere sind seiner spröden und grazilen Monotonie mit Leidenschaft zugetan. Weil er zum Fortschritt der Malerei nicht das Geringste beiträgt, wird er selten ausgestellt. g. s.