Der Fall Johnen wirbelt in Düsseldorf viel Staub auf

Düsseldorf

Ratlos wedelt der Fraktionschef der CDU im Düsseldorfer Landtag, Dr. Wilhelm Lenz, mit einem wohlgeordneten Packen Zeitungsausschnitten. „Das ist mir bald unbegreiflich“, sagt Lenz. Der Packen Papier ist die vorläufige Ausbeute einer herbstlichen Treibjagd in der nordrhein-westfälischen Landespolitik, die seit zwei Monaten andauert und bei der das letzte Halali noch nicht geblasen wurde. Noch lauern die Jäger im Unterholz. Ihr repräsentatives Hochwild ist Wilhelm Johnen, 61 Jahre, CDU, Präsident des nordrhein-westfälischen Landtages.

Der Zeitungsausschnitt-Sammlung, die sich Wilhelm Lenz anfertigen ließ, ist ein Register beigefügt. Es enthält neben den Namen der Zeitungen und dem Datum ihrer Attacken ein Stichwortverzeichnis der Vorwürfe, die gegen den ersten Mann im Lande erhoben wurden. Das Register nennt: „Trinkfreude, Reiselust, Ämterhäufung, Eskapaden, überentwickelter Drang zur Repräsentation“. Schon der allererste Artikel, der zum Fall Johnen geschrieben wurde, präsentierte dem Parlament das Fazit aus dieser Aufzählung. Am 28. August resümierte die „Neue Ruhr Zeitung“: „Das Parlament in Düsseldorf steht wohl vor der Frage, ob und wie lange es sich diesen Präsidenten noch leisten kann.“

„Das sind Methoden, die bisher in der Landespolitik nicht üblich gewesen sind“, erbost sich Lenz. „Welcher dieser Vorwürfe erfüllt denn einen strafrechtlichen Tatbestand? Das ist eine Kampagne, in der einige Journalisten die Drähte ziehen und andere darin herumstolpern.“ Auf eine eindeutige und energische Vertrauenserklärung seiner Partei wartete Wilhelm Johnen lange Zeit vergebens. Lenz meinte noch kürzlich: „Wenn irgendwo im Lande etwas geschrieben wird, ist das zunächst für die Fraktion kein Grund, um zu reagieren.“ Nun aber haben sich die CDU-Abgeordneten doch entschlossen, dem „angeschossenen“ Johnen öffentlich ihr Vertrauen zu schenken.

Die Angriffe auf Johnens Amts- und Lebensführung als Präsident wären jedoch kaum so erfolgreich gewesen, wenn es nicht vorher schon den Fall des Parteipolitikers Johnen gegeben hätte: Am 26. September erklärte Johnen plötzlich, daß er für sein Amt als Vorsitzender der CDU des Rheinlandes nicht wieder kandidieren wolle. Die Wahl stand für den 25. Oktober auf dem Parteitag in Wuppertal an. Er wollte die Einheit der CDU nicht gefährden, begründete Johnen seinen Entschluß. Immerhin leitet er den stärksten CDU-Landesverband seit 1951, als Nachfolger Konrad Adenauers. In den letzten Jahren hatte er es fertiggebracht, sich eine kräftige Opposition in den eigenen Reihen zu schaffen. Das wurde vollends offenbar, als vor zwei Jahren auf dem Parteitag in Bergisch-Gladbach von 326 Delegierten nur 181 für seine Wiederwahl stimmten.

Den ehrgeizigen jungen Parteimitgliedern war nämlich Johnens Regiment einerseits zu lasch, andererseits waren sie bekümmert über die mangelnde Zusammenarbeit zwischen der christlichdemokratischen Regierungsmannschaft in Düsseldorf und dem Parteiapparat. In dem hartnäckigen Finanzstreit zwischen Bund und Ländern – Vorkämpfer Ministerpräsident Franz Meyers – sahen in der letzten Zeit nicht wenige CDU-Mitglieder einen Prestigeverlust für ihre Partei. So hielten sie denn nach Männern Ausschau, die die Interessen der CDU-Rheinland energischer vertreten würden als ihr bisheriger Vorsitzender. Und Johnen war schließlich auch 1958 zum Landtagspräsidenten gewählt worden. „Da muß er ausgleichen, als Parteimann soll er aber kämpfen“, meint man in jenen Kreisen der CDU, die die Trennung dieser beiden Ämter forderten. Sie setzten sich durch. Der CDU-Landesvorstand empfahl als Kandidaten für die Wahl den jungen Landesminister Konrad Grundmann.