Von Horst Wetterling

Den Kindern wird die Rolle zugedacht, die den Ehepartnern gesellschaftlich verlorenging, und man setzt in sie die größten Hoffnungen. Die Kinder sollen möglichst akademische Berufe erlernen und werden durch die Ehefrau streng bei ihren Arbeiten beaufsichtigt und dazu angehalten. Die Ehefrau sitzt täglich mehrere Stunden bei den Kindern und beaufsichtigt sie. Sie scheut weder Mühe noch Geld (Nachhilfestunden), damit die Kinder einen wissensmäßig guten Stand in der Klasse haben.“

So berichtet Professor Gerhard Wurzbacher von einer Familie, die nach dem Kriege die hohe gesellschaftliche Stellung und ihren Besitz verlor („Leitbilder gegenwärtigen deutschen Familienlebens“). Im Bericht von einer anderen Familie, der es nach dem Zusammenbruch ähnlich erging, heißt es:

„Das, was er seinen Töchtern durch seine Beziehungen letztlich bieten zu können hoffte, war die gute Partie. Für eine Tochter gelang das nun nach langen vergeblichen Bemühungen um ... (einen sehr standesgemäßen Herrn) mit einem ... Dieser Titel war etwa der mindeste, den diese Tochter verlangte, um für sich ein gebührendes Aushängeschild zu besitzen. Die Erziehung der Kinder ging ja darauf hinaus, und in der Familie wird auch kein Hehl daraus gemacht.“

Die Erziehung der Kinder geht darauf hinaus, daß die Kinder Wünsche verwirklichen, die ihre Eltern hegen. Sie sollen Erfolge wiederholen, die dem Vater beschieden waren, sie sollen erreichen, was den Eltern zu erlangen versagt blieb, sie sollen die angesehene Stellung der Familie behaupten oder sie sollen aus der Niederung gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit in die Gefilde glänzender Reputation oder gar der Prominenz aufsteigen. Es sind dies beileibe keine „bloßen Wünsche“ der Eltern, eine heilige Mission hat sie erfaßt, und unter „guten Vorsätzen“ – „Unser Junge soll es einmal besser haben als wir“ – „Ihm soll erspart bleiben, was wir an bitteren Erfahrungen einstecken mußten“ – entwickeln, sich selbst warmherzige Mütter und schwache Väter zu Tyrannen.

Und nun entartet die „Erziehung“ zum pädagogischen Exzeß: Die Mutter sitzt täglich mehrere Stunden bei den Kindern und beaufsichtigt sie. Genügen die Kinder den Anforderungen der Schule dennoch nicht – wie sollte Stubenhockern auch etwas gelingen? –, so prasseln Vorwürfe und Vorhaltungen auf sie herab: „Als ich in der Tertia war, da ...“ (Plötzlich waren alle Väter Primus ihrer Klasse, und den Müttern ist es nie eingefallen, sich durch Flirt und Schwärmerei von Algebra und englischer Grammatik abbringen zu lassen) und „Nimm dir ein Beispiel an Erwin, der hat immer gute Noten ...“ (Plötzlich gilt auch der Lümmel vom Nachbarn etwas, der bis dahin geflissentlich gemieden werden mußte, weil er zielsicher in den Briefkasten spuckte und sich ruppig benahm). Alle Dinge und Unternehmungen haben nur Sinn und Wert, sofern sie zu dem Ziel in Beziehung stehen, in das die Eltern vergafft sind. Einerlei, ob das Mädchen beim harmonischen Gang der Sonate aufatmet oder ihn als elende Schinderei betrachtet, die Kunst des Instrumentalspiels könnte ja dazu taugen, ihm den Weg zu kultivierten Familien – und wer weiß? vielleicht auch zu einem Mann – zu ebnen. Und so bleibt es bei der regelmäßigen „Stunde“, auch wenn sie Tränen kostet. Mitunter scheinen die Eltern sogar zu vergessen, daß es ihr eigen Fleisch und Blut ist, dem sie so zusetzen. Als ich eine Mutter darauf hinwies, daß einem Jungen heute auch dann mannigfache Chancen offenstehen, wenn er nicht das Gymnasium absolviert hat, hielt sie mir allen Ernstes entgegen: „Wenn Peter die Aufnahmeprüfung nicht besteht, gehe ich ins Wasser.“

Kaum ein Kind ist fähig, diesen steten Druck so zu beantworten wie jener amerikanische Junge der Anekdote, der auf die Vorhaltungen seines Lehrers, daß George Washington in seinem Alter bereits der Beste seiner Klasse gewesen sei, meinte: „Stimmt, Herr Lehrer, und in Ihrem Alter war er bereits Präsident der Vereinigten Staaten.“ Vielmehr schleichen sich Unsicherheit, nervöse Hast, Panik und Hilflosigkeit in das Wesen der Kinder ein. Unausgesetzt plagt es sie, ob sie die ehrgeizigen Erwartungen ihrer Eltern erfüllen werden und imstande sind, sich – bei der erwähnten Aufnahmeprüfung zum Beispiel – schon „für das Leben“ zu bewähren. Die Eltern meinen es „so gut“. Ihre Absichten verkehren sich jedoch zum Widersinn. Aus ihren Kindern werden meistens Pechvögel.