Eine kleine Geschichte von Deutschlands berühmtester satirischer Zeitschrift

Von Christian Schütze

Der „Simplicissimus“ ist heute eine Legende aus einer Zeit, als die Satire ihrer Position noch sicher war und eine gesellschaftliche Macht darstellte. Alle heutigen Versuche, satirische Zeitschriften ins Leben zu rufen, werden noch an diesem Beispiel gemessen. Was war der „Simplicissimus“ wirklich? Wer waren die Männer, die ihm zu Einfluß und Gefährlichkeit verhalfen? Der folgende Artikel gibt Auskunft darüber. Erweitert bildet er die Einleitung zu einem im Scherz-Verlag, Stuttgart, erscheinenden Band, der die mit der „Gartenlaube“ eröffneten Faksimile-Querschnitte fortsetzt.

Der Simplicissimus wurde blind geboren. Albert Langen, sein Verleger und geistiger Vater, wollte zwar eine satirische Zeitschrift gründen, aber sie sollte Gesellschaftskritik durch Literatur treiben und mit großer Auflage neuen geistigen Strömungen zum Durchbruch verhelfen. 480 000 Exemplare ließ Langen von der ersten Nummer drucken. Davon verkaufte er 10 000, der Rest wurde verschenkt und eingestampft – ein Verlustunternehmen von so gewaltigem Ausmaß, daß es den offensichtlich cäsarischen Verleger in den Kreisen derer, auf die er es zunächst abgesehen hatte, zum Tagesgespräch machte. Die möglichen Mitarbeiter, Schriftsteller und Zeichner, horchten auf. Dabei war die erste Nummer des Simpl, wie man bald sagte, alles andere als welterschütternd; auch die folgenden blieben seltsam undeutlich.

Es dauerte ein bis zwei Jahre, und der Simplicissimus sah schärfer als andere die Übel der Zeit, vor allem sprach er mutiger als andere darüber. Binnen kurzem war er zu einer Institution des Kaiserreichs geworden. Von vielen wurde er nicht aus Liebe gelesen, sondern aus Furcht – und das war eine solide Geschäftsbasis. Eine Gesellschaft, die bei aller Selbstsicherheit ihre inneren Schwächen ahnte, schluckte die bitteren Pillen des Simpl begierig.

Albert Langen war kein Philosoph, sondern ein Gründer; er eroberte mit dem schnellen Schritt, den Thomas Theodor Heine in einer Zeichnung als das wesentliche Merkmal dieses Verlegers festgehalten hat, und er verwaltete das rasch Erreichte mit Umsicht.

Am 8. Juli 1869 wurde er von rheinischen Eltern in Antwerpen geboren und wuchs in großbürgerlichen, wohlbemittelten Verhältnissen in Köln auf. Als er fünfzehn war, starb die Mutter. Der Schüler Albert Friedrich Langen hatte nicht genug Ausdauer bis zum Abitur, aber eine kaufmännische Lehre absolvierte er treu und brav, wenn auch lustlos. Er fühlte sich zum Künstler geboren, und als auch der Vater früh starb, machte sich der Jüngling zu seinem eigenen Leben auf. Er versuchte sich noch in Köln als Maler und Zeichner. Als ein großes Talent nicht gleich erkennbar wurde, ging er nach Paris.