Von Johannes Jacobi

Der Höhepunkt der Berliner Festwochen war diesmal ihr Endpunkt: Am 15. Oktober wurde der Neubau der Philharmonie mit Beethovens Neunter Symphonie unter der Leitung von Herbert von Karajan eröffnet.

Dieses Konzerthaus will von zwei Blickpunkten aus gewürdigt werden: Es ist die Keimzelle eines neuen Stadtteils; und es ist ein Kunstwerk der Architektur, durch das Musik, die darin erklingt, in eine neue Beziehung zu den Menschen gesetzt wird, die sie anhören.

Über die städtebauliche Funktion von Hans Scharouns Philharmonie-Gebäude wird man erst urteilen können, wenn dort, dicht an der Mauer nahe dem Potsdamer Platz, wo es auch auf westlicher Seite noch wüst und leer aussieht, andere Glieder des geplanten Kulturzentrums gewachsen sind. Da sollen starke Kontraste einander gegenübergestellt werden.

Bis dahin ragt Scharouns Koloß, der die Unregelmäßigkeit bis zum Exzeß treibt, einsam über die schon wieder ganz stattlichen Tiergartenbäume. Wem gleicht der Umriß? Ist das ein Saurier, ein Schiff oder ein Zirkus? Der Volkswitz entschied sich für die Zirkusanalogie und machte aus dem Zirkus Sarrasani den „Zirkus Karajani“.

An ein Zirkuszelt vermag von fern das gefaltete Dach zu erinnern. „Zirkus“ geschieht, wenn man den liebevollen Spitznamen aufnehmen darf, aber auch drinnen. Die Manege wäre dann das Orchesterpodium. Es liegt an der tiefsten Stelle des Saales. Dresseur wäre der Dirigent. Er arbeitet im mathematischen Mittelpunkt des Gebäudes. Die Zuschauer sitzen in verschiedener Höhe von allen Seiten um ihn herum.

Hier muß ein Dirigent zum Schaudirigenten werden. Karajan darf seine Bewegungen getrost dreimal größer bemessen, als es zur Verständigung mit den Musikern nötig wäre; Die Zuschauer, die hier zum Sehen bestellt, obwohl zum Hören gekommen sind, sie werden ihm dankbar sein. Die Augen zu schließen, wäre eine Versündigung gegen den Geist von Scharouns Architektur.