London, im Oktober

Kaum war die Ernennung von Lord Home zum Premierminister bekanntgeworden, als in der konservativen Evening News die bitterwarnende Prophezeiung erschien, daß böswillige Kritiker bestimmt dazu sagen würden: „Eine solche Protektionswirtschaft hat es nicht mehr gegeben, seit der römische Kaiser Caligula sein Pferd zum Konsul machte.“

Sicher ist, daß die Vorstellung, Lord Home könne in die Downing Street 10 einziehen, den meisten Engländern vor kurzer Zeit noch ganz phantastisch vorgekommen wäre. Der letzte Lord, der England als Premierminister regierte, Lord Salisbury, schied 1902 aus dem Amt. Seit damals hatte sich die Überzeugung eingebürgert, daß der Premier in diesem neuen demokratischen Zeitalter im Unterhaus sitzen müsse. Seit der neuen „Wedgwood-Benn-Bill“ kann ein Peer zwar auf seinen Titel verzichten und das Oberhaus mit dem Unterhaus vertauschen. Aber als Alec Home 1951 das Erbe seines Vaters antrat und mit dem jahrhundertealten Titel die großen schottischen Ländereien übernahm, da konnte er nichts dergleichen erwarten. Überdies hatte er selber wiederholt gesagt, daß er sich nicht zum Premierminister berufen fühle und sich auch nicht dazu eigne, weil ein Premier viel von Finanz- und Wirtschaftspolitik verstehen müsse – und davon habe er keine Ahnung. Zum Rechnen müsse er immer eine Streichholzschachtel zu Hilfe nehmen.

Vor dem Krieg hatte Home die Karriere gemacht, die ein Sohn aus einem alten Hause machen mußte, wenn er nicht dumm oder faul war. Alexander Frederick Douglas-Home, der zu Lebzeiten seines Vaters den Ehrentitel Lord Douglas führte, war weder dumm noch faul. Er wurde natürlich in Eton erzogen, wo er mit viel höflichem, aristokratischem Charme, ohne sich je besonders darum zu bemühen, alle großen Ehren der Schule einheimste: Pop-Präsident, Cricket-Kapitän, Fußball-Kapitän. Bloß die akademischen Ehren blieben ihm versagt; Home galt nicht gerade als der glänzendste Geist. Aber Eton verehrt die glänzenden Geister nicht, und es schadete Home auch nicht, daß er in Oxford ebenfalls nur mäßig abschnitt.

Später bewarb er sich um einen Sitz im Unterhaus, in dem heimatlichen Wahlkreis Lanarkshire. Dieses schottische Kohlengebiet litt damals unter großer Arbeitslosigkeit. Home wurde von dem sozialistischen Kandidaten geschlagen. Doch zwei Jahre später bewarb er sich um denselben Sitz, gewann ihn und blieb bis 1945 Abgeordneter für Lanarkshire. Im Lauf der Zeit wurde er Neville Chamberlains parlamentarischer Sekretär, machte dessen München-Politik von ganzem Herzen mit (und er findet noch heute, daß Neville Chamberlain recht hatte). Als der Krieg ausbrach, meldete er sich freiwillig, ging aber nie an die Front, weil er an einer Tuberkulose der Wirbelsäule erkrankte. Zwei Jahre lang lag er in Gips. Als er auf dem Weg zur Gesundung war, sagte er: „Meine Ärzte haben das Wunder vollbracht, einem Politiker Rückgrat zu geben.“

1950 wurde er wieder ins Unterhaus gewählt. Aber schon ein Jahr später starb sein Vater, und er zog als Earl of Home (der vierzehnte dieses Namens) im Oberhaus ein. Dann wurde er Minister für Schottland, und später Minister für Commonwealth-Beziehungen. Im Oberhaus erwies er sich als gewandter, glatter Redner, der seine Fakten beherrschte, der immer einfach blieb (schon sein Naturell bewahrte ihn vor originellen Gedankenflügen), und der manchmal auf simple Art witzig sein konnte. Man mochte ihn. Er hatte keine Feinde. Aber daß ein künftiger Premierminister in ihm steckte, das hätte damals niemand vermutet.

In jenen Jahren war und blieb er vor allem der große schottische Feudal-Aristokrat, der im alten Tweed-Anzug, mit dem Jagdgewehr unter dem Arm, über seine Heide stampfte, um Birkhühner zu schießen, der Schmetterlingssammler, der Pater familias eines schottischen Clans. Die Homes haben vier Kinder, einen 19jährigen Sohn und drei Töchter. Lady Home ist die Tochter eines Geistlichen, der Headmaster von Eton war, als ihr Mann dort erzogen wurde.