H. B., Rom, im Oktober

Will die italienische Regierung Wien ein bißchen unter Druck setzen? Als im Mai dieses Jahres der österreichische Handelsminister Bock formell die Unterstützung Italiens für das österreichische Assoziierungsansuchen beim Gemeinsamen Markt erbat, erhielt er nur allgemeine Zusicherungen. Zugleich aber ließ Rom durchblicken, daß die Regierung Italiens, falls sie, vom besten Willen beseelt, den Assoziierungsvertrag dem Parlament zur Ratifizierung vorlegen wollte, dort leicht auf Schwierigkeiten stoßen könnte – jedenfalls solange die Südtirolfrage noch offen sei.

Offiziell freilich betonte noch vor ein paar Tagen ein Sprecher des italienischen Außenministeriums, die Frage der österreichischen Assoziierung sei noch gar nicht „aktuell“. Das stimmt wohl, aber andererseits heißt es in dem Bericht einer Expertenkommission, die von der Regierung eingesetzt worden war: „Offensichtlich setzt eine eventuelle Verbindung Österreichs mit der EWG eine Klärung zwischen den beiden Ländern voraus.“

Nun gibt es aber zwischen Österreich und Italien kein finanzielles oder wirtschaftliches Problem von einiger Bedeutung, das einer Klärung bedürfte. Es kann also nur ein politisches gemeint sein – und das einzige, das die beiden Länder heute trennt, ist Südtirol.

Natürlich ist es schwer zu sagen, wieweit die römische Regierung das Junktim zwischen der Assoziierungs- und der Südtirol-Frage nur als psychologisches Druckmittel betrachtet, als eines ihrer Atouts im diplomatischen Spiel, oder wieweit sie entschlossen ist, ihren Standpunkt gegenüber den anderen, der österreichischen Assoziierung wohlwollenden Vertragspartnern durchzusetzen. Jeder italienische Politiker müßte, sofern er realistisch urteilt, sich jedenfalls sagen, daß es erheblich leichter sein würde, mit einem durch ein vitales Vertragssystem intim verbundenen Österreich ins Klare zu kommen. Auch in puncto Südtirol.