Von Wolfdietrich Schnurre

Behutsam beginnt sich der Nebel zu lichten. Hier auf dem Wasser geht das langsamer vonstatten als drüben am Ufer zwischen den Kiefern. Man weiß auch nicht recht: steigt er nun oder fällt er; es ist wie mit einer gewissen Sorte von Engeln. Wahrscheinlich steigt er, denn die Erlen am Seerand scheinen plötzlich zu wachsen,das macht: der Nebel gibt die Kronen zuletzt frei; schließlich hängt nur noch ein vager Fetzen im kahlen Geäst.

Nun ist auch der Haubentaucher erwacht. Sein schnarchender Schrei zersägt den Morgen in tauige Blöcke, sie sind hier bis zum Himmel gestapelt. In einen ist die verschwimmende Silhouette eines ermüdeten Fischreihers eingelassen, ein anderer spiegelt den gallertartigen Glanz einer träge dämmernden Schlammbank. Das Wasser dampft; der ganze See ist eine riesige, randvoll gefüllte Suppenterrine.

Da sind auch schon die ersten Pensionsgäste: Krähen. Parzenhaft-mißmutig stoßen sie auf den Seespiegel herab und angeln sich Uklays. Sollen sie, unsereins hat es nicht nötig, aus Hunger zu fischen. Wenn ich ehrlich sein soll, ich habe die Angel nur zum Vergnügen ins Wasser gehängt. Ich meine, was beißt denn schon noch, jetzt im September. Allenfalls ein lustloser Blei ein bläßliches Bärschlein. Die guten Sachen: die goldene Karausche, der milchhäutige Schlei – sie haben sich längst auf den Grund sinken lassen und träumen in wallendem Algengewog von dicklich gemästeten Wasserflohschwärmen.

Es haucht schon machtvoll Kühle durch die Bootsplanken herauf. Nicht lange mehr, und Frostgärtner Winter klappt über die ganze Herrlichkeit hier sein Eisfenster runter. Da stoßen sie dann erstaunt mit den Schnauzen ans Eis, die schuppigen Luftholer, und starren mit lidlosen Augen zum sanft verzerrten Himmel hinauf. Es wird dann ein grünlicher Fischhimmel sein; wie es, wenn ihn ein Rehauge mustert, ein heuballenträchtiger Rehhimmel sein wird; so liebenswürdig blufft der Herrgott seine Geschöpfe.

Man sollte es nicht für möglich halten: es hat was gebissen. Ja, ich habe eine Aalquappe gefangen. Ein glibbriges Ding mit dem Kopf eines arg verbitterten Junggesellen, kahl und ganz freudlos, aber: mit wunderbar opalisierenden Froschkönigaugen. Nicht groß, so lang wie mein Unterarm etwa; oben haigrau und olivgrün, unten wie das Bett eines kieselsteinführenden Spessartwildbaches; gelbblau gesprenkelt, und die gelblichen Sprenkel jedesmal in zartestes Braun übergehend, ein Braun, das ans Goldene grenzt, ans Tabaksgold verrauchter Ikonen. Andächtig ließ ich das Wesen wieder zu Wasser. Es sank hinab wie ein Stein. Schätze, es steckt was Verzaubertes in ihm. Ein Studienrat, der Selbstmord beging (hat die Pedellstochter verführt). Nun muß er eine Aalquappe sein. Muß? Darf.

Dieser Herbst mutet an wie ein längst pensionsberechtigter Rotundenbewacher. Immer wieder schlurft er astmathisch übers leergefegte Himmelsrund hin und wischt da oben mit sprühenden Böen die Fliesen. Man erkennt ihn an der verblaßten Sonnenkokarde, die er an seiner Dienstmütze trägt. Nichts gegen Kokarden; auch diese war einst ein Schmuckstück des Alls. Nun aber ist sie blaß geworden und dünn, eine abgegriffene Münze, die der Frühling erst aufwerten muß.