Am 1. Januar 1948 war Cesare Pavese neununddreißig Jahre alt. Er hatte zehn Bücher geschrieben und galt, von seinen Freunden bewundert, als erfolgreicher Mann. Dennoch schien ihm das vergangene Jahr nichtig und leer; eine Operation stand bevor; die Zukunft war so ungewiß wie die Vergangenheit. Nur die Stadt gab sich verheißungsvoll: Turin, ein fremder, in der Wintersonne aufblitzender Ort, dessen Atmosphäre, in einer Tagebuch-Eintragung blitzschnell fixiert, den Eingangskapiteln des geplanten Romans Kontur geben sollte: „Es scheint eine neue Stadt, in der man am Morgen mit dem Zuge ankommt und weiß, daß man umherlaufen wird, sehen wird, leben wird. Eine Stadt am Meer mit der Sonne, die die letzten Stockwerke der Häuser, der Paläste und die offenen Höhen erleuchtet“ –

In drei Figuren, in drei Spiegeln seiner selbst, wollte Pavese den eigenen Traum vom ziellosen Schlendern, Stadtdurchwandern und Sichtreibenlassen konkretisieren. Drei Studenten, der Städter Pieretto, der an Wälder und heimatliche Weinberge denkende Mediziner Oreste und der in Turin geborene, aber seiner Abkunft nach ins Monferrato gehörende Erzähler: drei junge Leute durchstreifen die Straßen, schlafen wenig, reden viel und suchen, meditierend und schlendernd, dem Geheimnis des Lebens näherzukommen. Ihre Ideale (ein paar Freunde, ein paar Platten und ein Immerweitergehen) sind verworren und seltsam; ihre Wünsche kindlich, ihre Gesten routiniert und ihre Taten von Ekel und Zweifel erfüllt. An einem Punkt angekommen, da ihnen die Jugend bewußt wird und aufhört, Jugend zu sein, möchten sie gleichsam von vorn beginnen und ein neues Leben anfangen, ein Leben in sehr hellen Nächten, ein Fitzgerald-Dasein, ebenso hektisch wie sentimental.

Aber die drei haben kein Glück: weder in Turin noch in Orestes Heimatdorf oder in jenem fernen Greppo-Bezirk, wo ihr Gegenspieler Poli, ein süchtiger Dandy, seine Tage verbringt. Soviel auch immer geschieht – jeder bleibt für sich allein und träumt seinen eigenen Traum. Paveses Figuren sind Spieler; aber Spieler mit Selbstmördermasken, Figurinen ohne Entschiedenheit und Profil; Gestalten, deren Schicksal es ist, niemals ganz ernst sein zu dürfen, weil die Trinität Langeweile, Romantik und Rausch jede wahre Bindung zerstört.

Ich glaube, es war eins von Paveses größten Verdiensten, die Denk- und Argumentationsweise dieser bourgeoisen jeunesse mit Hilfe einer Gesprächstechnik veranschaulicht zu haben, die in gleicher Weise vom Dialekt, der stilisierten Hochsprache und dem Jargon der Studenten-Diskussionen gespeist wird. Keinem anderen Schriftsteller unserer Zeit, Hemingway eingeschlossen, ist es gelungen, die Gesprächsnuancen, das Aneinander-vorbei-Schwadronieren und das Reden um des Redens willen, das dialogische Monologisieren und das rabulistische Netze-Auswerfen, mit so einfachen Mitteln zu zeichnen.

Je abstrakter die Personen argumentieren, je pathetischer sie das Mysterium des Leidens und der Freiheit verkünden, desto gewisser darf der Leser sein, daß die Floskeln nur dazu dienen, etwas sehr Privates zu tarnen; und je persönlicher, auf der anderen Seite, Poli, Pieretto und Oreste sich zeigen, desto facettenreicher und hintergründiger wird das Gespräch. Nicht was der einzelne sagt, ist für Pavese bedeutsam: Nur auf das Muster, auf die Summierung verschiedenartigster Stimmen kommt es ihm an. Mögen also die Sätze auch noch so hintersinnig, abgekürzt und doppeldeutig sein: die Gesamtmelodie ist verständlich und klar. Hört man genauer hin, dann vernimmt man hinter den Phrasen den Klagegesang von Menschen, die die Paradies-Vertreibung beweinen.

Die Trauer über die verrinnende Zeit und den verlorenen Sommer; der Abschied von der Jugend; die Sehnsucht nach dem Mythendämmer der Kindheit – das alles sind Chiffren für jene Verlorenheit, die Pavese immer wieder am Beispiel des Heimwehs nach dem Rustikalen verdeutlichen wollte. Stadt und Land, Turin und die Hügel, der Asphalt und der Wein, Mondänität und georgikanisches Glück: nirgendwo wird die seit den Gedichten vertraute Antithese mit solcher Konsequenz wie im Roman „Der Teufel auf den Hügeln“ zugespitzt. Und dabei keine Rede vom „einfachen Leben“; kein faschistisches Mythengegaukel und keine Schwarz-Weiß-Malerei! Pavese war kein später Schüler Rousseaus; die wilden Feste der Society, Jazz-Halluzinationen und geschminkte Gespräche faszinierten ihn nicht minder als der Geruch des frischen Weins, die schwarzen Reben unter den Eichen oder die nächtliche Kühle der Piazza von Santo Stefano Belbo.

Nein, die Natur war ihm kein Gegenbild zu „kranker“ Zivilisation; im Gegenteil, gerade die Studentengeschichte demonstriert die Gefahr des angeblich so idyllischen Glühwürmchen-Mondund-Grillen-Bezirks: Die Parks und Berge haben ihren Schrecken so gut wie die Straßen; auch die Stille tötet, und der Mond kann schrecklich sein. Im Grunde dient die Kulisse der Po-Höhenzüge, des Meeres und der Greppo-Hügel nur dazu, die Andersartigkeit des modernen Menschen zu zeigen: seine Wachheit, die agile Schläue und den künstlichen, von Drogen gemieteten Traum.