Das Rokoko, die Brüder Goncourt und wir

„Wir wollen unter oder vielmehr über den Tatsachen die Ursachen dieser Epoche und die Sache der Menschheit untersuchen“ – das schrieden Edmond und Jules de Goncourt in ihrem Report – so würde man heute sagen – über „Die Frau im 18. Jahrhundert“. Die Gesellschaft, die Salons, die Frau des Bürgerstandes, die Frau aus dem Volke, die Dirne, das Alter der Frau, die Schönheit und die Mode, so heilen einige Kapitel dieser Kulturgeschichte, die in den nächsten Tagen im Scherz-Verlag erscheint. Es ist nicht ohne Reiz für den Menschen des 20. Jahrhunderts, in diesen Spiegel zu blicken. Die Berichte der Goncourt-Brüder schildern die Gesellschaft und immer wieder die Frau, „die Frau als Star, Regisseur und Beleuchtungstechniker an einer Bühne, von der alles Unpassende weggeleuchtet ist. Die sehen sie und aus deren Blickpunkt sehen sie die Zeit“, schreibt Barbara Klie in der Einleitung zu diesem Buch, die wir hier leicht gekürzt veröffentlichen.

Als die Brüder Goncourt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das Rokoko wieder entdeckten, litten sie unter ihrer eigenen Zeit. Sie sagen in ihren Tagebüchern, daß sie sich als Emigranten fühlen, als entrechtete Zeitgenossen jener versunkenen Gesellschaft, die so raffiniert und gewählt, so geistreich, von solcher Feinheit gewesen war und von so bewunderungswürdiger Korruption. Ihre eigene Zeit dagegen: Je vomis mes contemporains! Jetzt herrscht nicht mehr der Geist, sondern das Geld. Die Börse hat den Salon verdrängt, gemeiner materieller Appetit den Geschmack. Das sind schon die Bonbons des Zivilisationspessimismus, wie man sie auch heute aus Zeitungspapier leckt. Und an die Stelle der Societe, dieser nach allen Seiten durchdefinierten und durchgespielten Gesellschaft, die immer zugleich Geselligkeit war, ist der Sozialismus getreten. Was für eine bestialische Dummheit, diese vorgeblichen Wohltaten der Revolution! Dafür haben sie die Verachtung der Enkel. Aber wenn sie sich in ihrer Stube einschließen, um alte Stiche vorzunehmen und selber Radierungen zu machen nach Pater und Fragonard, wenn sie auf Dachböden nach Briefen und Fetzen von Kleidern wühlen und aus der Bude eines Antiquars alte Hochzeitseinladungen, Menükarten mit gestochenen Vignetten und vergessene Broschüren nach Hause schleppen, dann ist das Rokoko wieder da.

Galante Detektive

Sie interessieren sich für die winzigen Sachen, für die Atome. Darin steckt der Duft der Zeit. Sie fahren zum Trianon, dem Spielzeugschloß der Königin Marie-Antoinette. Andächtig, religiös. Haufen von Bürgern gehen ebenfalls spazieren und lachen; respektloses Pack. Das achtzehnte Jahrhundert ist ihre Droge, ihre Medizin.

Wie hätten sie selber sich im achtzehnten Jahrhundert ausgenommen? Man kann sie sich vorstellen als Plauderer im Salon, in Gesellschaft einer dieser Frauen, die alles wissen, ohne etwas gelernt zu haben, und deren Liebenswürdigkeit nicht den kleinsten Tintenfleck an den Fingern zeigt. Alles sehr hübsch – Sottisen in Perücke, gepuderte Bonmots. Aber der Salon war auch böse. In ihm „werden die Plätze nach Intrigen vergeben und nicht nach Verdienst... Wenn Sie es unterlassen“, warnte Voltaire einen Dichter, „in der Reihe der Höflinge zu stehen, dann stehen Sie in der der Feinde, und man zerschmettert Sie!“ Der Salon demokratisierte sich durch Geist und Literatur – aber auf Widerruf. Das Damoklesschwert dieser Zeit war an drei scharfen Silben gewetzt: Ridicule. Einmal stellte die Akademie die Preisfrage auf: Ob die Furcht vor dem Lächerlichen mehr Talente erstickt als erzieht?

„Nicht nur die Meinungen, die Sitten, die Gedanken der Völker nehmen in den Zivilisationen Gestalt an, sondern auch die Sitten und Gewohnheiten des Körpers“, steht im Tagebuch. Epochen sind Lebewesen. Sie lachen, erschrecken, gewinnen wieder Haltung, ereifern sich, töten, sind leichtsinnig und träumen wie ein Mensch. Den belauschen die Goncourt. „Die Anekdote ist die Indiskretion der Geschichte... Das ist Clio beim petit lever... Ehe die Muse Muse ist, ist sie eine Frau.“