Von Peter Hemmerich

Im heutigen Deutschland findet die Diskussion über die Frage nach der Wissenschaft, nach ihrem Wesen, ihrer realen und idealen Bedeutung, wenn überhaupt, dann nur in jenen Tempelbezirken statt, wo Ursachen keine Wirkungen haben, also etwa in Hochschulseminaren oder Parlamentsausschüssen, evangelischen Akademien oder bei erbaulichen Jubiläen als Teil des Kultes natürlicher oder juristischer, jedenfalls aber verstorbener oder so gut wie verstorbener Personen. Denn tatsächlich steht die deutsche Wissenschaft heute mit einer gewissen Berechtigung unter dem Motto: De mortuis nil nisi bene.

In England hingegen – nein, das Verbindende sei zuerst gesagt: Auch in England gibt es einen Wissenschaftsminister. Anders aber als bei uns ist es nicht die Aufgabe dieses Ministers, jene Gelder unter die Wissenschaftler zu bringen, die der Staat ihnen schuldet und jahrelang schuldig geblieben ist. Zu diesem Zweck gibt es eine Fülle althergebrachter halbstaatlicher Institutionen in England, dank deren Funktionieren es heute eine wissenschaftliche Weltmacht ist, selbst ohne das Empire und im Gegensatz zu der wesentlich reicheren Deutschen Bundesrepublik. In England wurde der Stuhl des Wissenschaftsministers aus dem Bedürfnis nach einem wissenschaftlichen Berater von Kabinettsrang geschaffen, der dennoch kein Fachmann, also kein Spezialist sein durfte. Dieser Mann hat kürzlich in Moskau die Teststopp-Verhandlungen geführt. Wesentlich weniger bekannt wurde es aber bei uns, daß er ein Buch über sein eigenes Ressort geschrieben hat:

Science and Politics; by the Right Honourable Viscount Hailsham, Queens Counselor, Ed. Faber & Faber, 110 S., 13 s 6 d.

Würde man heute in Deutschland eine demoskopische Umfrage veranstalten über „Wissenschaft und Politik“, so käme zweifellos folgendes heraus:

Wissenschaft heißt Macht: Deutschland über alles.

Wissenschaft heißt Fortschritt: Mehr und bessere Autos.