Von Ludwig Marcuse

Zufällig las ich jetzt am selben Herbstabend zwei – durch fast vierzig Jahre getrennte – Nachrufe auf Hugo Stinnes.

Der eine stand im Morgenblatt, Anlaß war der Bankrott des Konzerns. Bei dieser Gelegenheit wurde auch des 1924 verstorbenen Räuberbarons aus Mülheim an der Ruhr gedacht: dritte Generation, Erbe einer „soliden“ Kohlenhandlung, der dann, gar nicht solide, mit Falschgeld (das war doch die Inflationsmark) ein Imperium von Kohle bis zur Deutschen Allgemeinen Zeitung zusammenraffte.

So ungefähr war es in der Zeitung zu lesen, und so (ganz ungefähr) in dem seltsamen Nachruf, den Heinrich Mann, ein Jahr nach dem Tode des Wirtschaftsführers, veröffentlichte: in der Novelle „Kobes“, illustriert von George Grosz. Da wird, in bekannter Heinrich-Mann-Weise, herzhaft unpathetisch mit der Tatze zugeschlagen: „Deutschsein heißt: aufs Ganze gehen.“ In prophetischer Leierkastendudelei (heute würde man sagen: brechtisch) wird der asketische Führer ausgestellt: „Kobes schlemmt nicht, Kobes säuft nicht. Kobes tanzt nicht, Kobes hurt nicht.“

Heinrich Mann dichtete seinen „Kobes“ nicht sozialrealistisch, eher ekstatisch: Der kleine Angestellte sucht – geradezu durch das Kabinett eines Doktor Caligari – zum obersten Kriegsherrn der Wirtschaft vorzudringen. Heute eine (nicht sehr lesbare) Phantasterei: voll treffender Einsichten, gezielter Prägungen, eingetroffener Voraussagen – und nicht von der satirischen Eindeutigkeit des „Professor Unrat“ und des „Untertan“.

Wer unvoreingenommen – das heißt: nicht unter der Suggestion des Rollenfaches „sozialkritisch“ – die sechs „gesellschaftskritischen Erzählungen“ liest, in dem Band, der noch zweiunddreißig nicht so gesellschaftskritische enthält –

Heinrich Mann: „Novellen“; Claassen Verlag, Hamburg; 832 S., Dünndruck 29,– DM