Argwohn in Sachen Stadt: Die Zukunft ist schon verbaut – Seite 1

In unserer Artikelfolge über die Zukunft der Stadt brachten wir zuletzt eine Untersuchung von Irene Zander über Hamburg und seinen Stadtplaner Professor Werner Hebebrand (ZEIT Nr. 40: "Gesicht einer Stadt"). Professor Dr. Alexander Mitscherlich, Direktor der Psychosomatischen Klinik der Universität Heidelberg, wirft hier die Frage auf, ob die Stadt, wie man sie heute allenthalben plant, seinen Bewohnern die lebensnotwendige "Spielbreite menschlicher Freiheit" gewährt.

Mich haben Gänge durch Villenvororte in verschiedenen Ländern – Deutschland, Italien, Holland – in der letzten Zeit ziemlich bewegt und zum Nachdenken gezwungen. Beim Durchstreifen dieser reichen Einfamilienweiden ist man überwältigt von dem Komfortgreuel, den unsere technischen Mittel hervorzubringen erlauben. Deutschland und Italien bilden dabei eine "Achse" der rücksichtsfreien Demonstration von pekuniärer Potenz und dem Geschmacksniveau von Devotionalienhändlern. Von Sanssouci-Assoziationen über Alpenchalets zu Breekerscher Versicherungspracht ist alles zu haben: eine Anhäufung von Zufälligkeiten der Gestaltung, ob sie nun unter einer stolzen Pineta unterkriecht, wie in der Umgebung Roms, oder die Apfelwiesen des südlichen Taunus überzieht. Ich nehme an, daß diese Häuser neben dem Rasen, der sie alle in schöner Klassenbewußtheit umgibt, auch noch anderes gemeinsam haben, zum Beispiel perfekt getüftelte Kücheneinrichtungen, perfekte Heizanlagen. Man kann die Klosett-Kultur natürlich bis zur leopardenfellbezogenen Brille steigern, wie unlängst ein Humorist fabulierte – aber hier ist zweifellos ein Stilwille am Werk. Hier lassen die Designer und die Industrie nicht mit sich spaßen, und der Bauherr kuscht. Aber sonst will er Rundbogen; und Schweifungen, Zinnen und Patio, getriebene Dachrinnen und vor allem schmiedeeiserne Melodien, deren Geläufigkeit mich dann an ein Chopin’sches Nocturno, von einer Musikbox gespielt, erinnert.

Natürlich hat es immer Epochen des Protzentums gegeben. Darum geht es mir jetzt aber nicht, sondern darum, daß die – wie man in der Schweiz sagt – "vermöglichen" Leute aus den Städten ausgezogen sind und in den Suburbs jeden Halt, jeden Rest von städtischer Würde und stadtbürgerlicher Obligation verloren haben. Mit Verlust der Obligation an die Stadt meine ich, daß dem sozial uralten Bedürfnis des Bauherrn, seinen Status zu demonstrieren, kein Kanon vorgeschrieben ist. Er hat sich in eine Pseudoprivatheit zurückgezogen, wofür es viele gewichtige Gründe in unseren lärmenden Städten gibt. Vom Stadtgeist her betrachtet, hat diese Entbindung eine fatale Wirkung. Es werden, je nachdem von welchen zufälligen Sympathiegefühlen man bewegt ist, Fragmente aus vorgegebenen, einmal verbindlich gewesenen Formgebungen aufgenommen und der Versuch gemacht, sie als Merkmal der eigenen Identität auszugeben. Was herauskommt – mit Hilfe des willigen Architekten –, ist eine permanente Maskerade in Architektur und keine Identitätsfindung durch den Zwang, Verbindendes, Verbindliches zu variieren, ohne aus der Rolle, aus der Ästhetik der Gruppe zu fallen. Denn ein Teil der eigenen Identität ist immer Stoff, der aus der Gruppe stammt; aber gerade diese Verzahnung des Individuums mit der Gruppe wird im Stil bewußt – mindestens bewußtseinsnäher.

Von Ulrich Conrads, dem Chefredakteur der Zeitschrift "Die Bauwelt", habe ich diesen Sitz gelesen: "Das Gestaltungsproblem ist ein ethisches Problem," Das scheint mir nicht anfechtbar. Nur möchte ich immer wissen, wie eigentlich Ethik entsteht und wie haltbar sie ist. Aber dann stand da noch ein zweiter Satz: Menschwerdung kommt vor Stadtwerdung." Das kann doch nicht die ganze Wahrheit sein; sicher, es gab Menschen, bevor es Städte gab – und die Städte sind eine Funktion von Grundbedürfnissen der Species humana; aber sie sind auch – der Zoologe Adolf Portmann würde sagen – eine Funktion der Selbstdarstellung. Damit ist ein lebensimmanenter, psychophysischer Antrieb zu immer markanterer Entwicklung der Gestalt gemeint. Die soziale Funktion der Stadt ist zwiefach. Sie ist ein Ort der Sicherheit, der Produktion und der Befriedigung vielfältiger Vitalbedürfnisse, aber andererseits auch der geschichtlich hervorragendste Ort der Bewußtseinsbildung sowohl im einzelnen wie auf der Gruppenebene. Wir sind sozial undefinitive Wesen. Wenn man an einem Herbsttag durch Amsterdam oder im Dezember durch Arles oder Venedig wandert, spürt man das Unverwechselbare dieser Gebilde. Ob man die Wohnsilos von Ludwigshafen oder Dortmund vor sich hat, weiß man aber nur, weil man da oder dorthin gefahren ist.

Ich muß in Conrads Satz einen Buchstaben ändern, damit er für meine Optik stimmt: die Menschwerdung kommt von der Stadtwerdung; oder um die Erhabenheit des Satzes etwas zu dämpfen: der Mensch wird so, wie die Stadt ihn macht. Nur diese Prägungsverschränkung von spezifischer sozialer Umwelt und dem spezifischen – zugleich entwickelten und entwicklungsgehemmten – Typus Stadtmensch gibt mir als Psychosomatiker das Recht, mich in diesem Augenblick in die Gedankengänge von Architekten und Städteplanern einzumischen, noch dazu mit solchen Sottisen.

Wir haben nach dem Krieg die Chance, bessere, uns verpflichtende Städte zu bauen, vertan. Anders ausgedrückt: Wenn Städte Selbstdarstellungen von Kollektiven sind, dann ist diese Selbstdarstellung alarmierend.

Was sich absolut antistädtisch erwies, war die industrielle Technik. Sie lagerte sich in ihren ersten Phasen den Städten an, quoll ins flache Land und höhlte zugleich die vorindustrielle Substanz der Städte bis auf museale Reste aus. Sie schuf Siedlungsverdichtungen, Ballungsräume und vorerst keine Städte. Es steht also überhaupt nicht mehr in Frage, daß wir alte Städte, Gebilde, vor denen wir wie von einer Vorzeit weit getrennt sind, neu schaffen, wiederbeleben, uns als Richtmaß vorhalten könnten.

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Unsere Aufgabe liegt bei einer neuen Selbstdarstellung.

Die beiden zentralen Gedanken, die ich vortragen will, beziehen sich auf Widerstände gegen einsichtsvolles Planen.

Zuerst zum Thema: Bodenbesitz in der Stadt. Es ist wohl von niemandem ernstlich bestritten, daß die Misere des deutschen Wiederaufbaues eng mit den spekulativen Bodenpreisen und der ausgebliebenen Neuordnung der Besitzverhältnisse gekoppelt ist. Aber dieser Besitz ist ein Tabu, ein Fetisch, an den niemand zu rühren wagt: Keine der gesetzgebenden Körperschaften, keine der Parteien. Nun wird man sagen, das Experiment des russischen Kommunismus zeige uns, daß es sich da um eine Ordnung oder Neuordnung oder Neu-Unordnung handele, die uns nicht erstrebenswert erscheint. Darauf kann ich antworten: Richtig – aber seit wann beweist ein nicht geglücktes Experiment, daß das, was man damit erreichen wollte, falsch ist? Experimente sind unvermeidlich. Jeder Einsichtige weiß, daß die Notwendigkeit zu einer Neuregelung der Bodenbesitzverhältnisse in den Städten zu kommen, überhaupt nichts mit Ideologie zu tun hat, sondern eine Konsequenz der veränderten Lage darstellt.

Was sagte doch der Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer in den zwanziger Jahren:

"Wir sind die erste deutsche Generation, die Großstadtleben wirklich durchlebt hat. Das Ergebnis kennen Sie alle. Wir leiden nach meiner tiefsten Überzeugung in der Hauptsache in unserem Volk an der falschen Bodenpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Ich betrachte diese falsche Bodenpolitik als die Hauptquelle aller physischen und psychischen Entartungserscheinungen, unter denen wir leiden." Und: "Die bodenreformerischen Fragen sind nach meiner Überzeugung Fragen der höchsten Sittlichkeit."

Man sieht, vor den machtvollen Tabus kapituliert die "tiefste Überzeugung" der Politiker; denn was ist in der Ära Adenauer zur Bodenreform an der Wurzel Anpackendes geschehen? Nichts. Daher meine Wachsamkeit der Ethik gegenüber und mein Wunsch, zu erleben, wie sie funktioniert, wenn sie auf die Probe gestellt wird. Ich entnahm das Zitat einem vorzüglichen Referat, das Werner Hebebrand auf dem Seminar des "Monat" in Berlin über Städtebau, gehalten hatte. Dort findet sich auch der Hinweis auf einen Vorgänger Hebebrands in Hamburg, Fritz Schumacher, der geschrieben hatte: "Für eine organische künftige Wohnentwicklung der Stadt kann der aus der Vergangenheit überkommene Zufall der Besitzverteilung an Grund und Boden unter Umständen völlig vernichtend wirken." Diese Einsicht stammt aus dem Jahre 1919 – ein Lebensalter ist hingegangen, und nichts ist zur Behebung der Widerstände gegen eine vernünftige Entwicklung des städtischen Lebens geschehen.

Es ist offensichtlich, daß daraus eine Konsequenz zu ziehen ist. Eine freiheitliche Städteplanung ist solange unmöglich, als es kein Bewußtsein der wahren Hemmnisse in der Breite der Bevölkerung gibt. Nicht zu erwarten ist, daß die Institutionen der politischen Öffentlichkeit, also die Parteien, den Besitzstand antastende Forderungen erheben werden, solange sie nicht von der Wählerschaft unter Druck gesetzt werden. Ich kann nur an die Zivilcourage der Städteplaner und Architekten appellieren. Sie sind die Fachleute, die der Vernunft gegen die irrationalen und egoistischen Motive der städtischen Bodenbesitzer den Weg bahnen müssen.

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Es wird nicht ohne grobe Verdächtigungen von der Gegenseite abgehen. In diesem Tabu von der Heiligkeit des Besitzes, besonders des Grundbesitzes (denn unser Geld hat man uns ja schon oft abgenommen) – in diesem Tabu stecken nicht zu unterschätzende emotionelle Kräfte. Sie zu entdecken, zu entziffern und der Einsicht zugänglich zu machen, ist notwendig.

Hebebrand erwähnte auch ein Beispiel einer möglichen Regelung der Bodenverhältnisse, das durch lange Jahrhunderte im Mittelalter bestanden hat und als Anregung für die Lösung uns aufgegebener Probleme wertvoll erscheint: Es ist das Prinzip der Erbpacht, "eine klare Trennung von Boden und Bauwerk; juristisch ausgedrückt – ein Obereigentum und ein Untereigentum". Es bedarf sicher großer Anstrengungen, um eine gerechte und als gerecht empfundene Lösung in unserer Lage zu erarbeiten. Aber es schien mir ein charakteristisches Zurückweichen vor der mit so viel "undiskutablen" Emotionen besetzten Problematik, daß Hebebrands Gedanken auch im Kreise der Fachleute in der Diskussion übergangen wurden. Immerhin berichtete Hebebrand aber vom Kongreß des Forschungsinstitutes für die lombardischen Städte 1962 in Stresa. Dort kam man zu dem Schluß, daß "wenn der Westen nicht eine sehr viel stärkere Planung auf allen Gebieten betreibe und, damit Zusammenhang gend, nicht stärkeren Einfluß auf die ‚Kontrolle des Grundes und Bodens gewänne, er niemals gegen den ‚Osten‘ gewinnen könne. Man sprach sehr offen und deutlich in diesem Zusammenhang vom ‚Chaos‘, welches vor der Tür stände!" Ich denke, es ist schon durch die Tür getreten!

Nun finden wir immerhin einen Verbündeten, der gewiß nicht über eine machtvolle Lobby verfügt, aber doch Anteil an einem Gegenzauber gegen das unzugängliche Besitztabu hat. Das ist die Wissenschaft vom Menschen. Zugegeben, der Glaube an die Wissenschaft in unserer Zeit spielt selbst eine irrationale Rolle; er hat etwas von einem Fetischcharakter an sich. Es mag deshalb nicht sehr vornehm sein, diese Glaubensbereitschaft gegen eine archaischere zum guten Zweck zu mobilisieren. Aber mindestens kommen wir dabei nicht mit unserem Gewissen in Konflikt.

Mein zweites Hauptargument gilt der einseitigen Ausbeutung des ehemals städtischen, des jetzigen Ballungsraumes für Produktion und Tertiärleistungen. Ich betrachte diesen Zustand mit den Augen des Anthropologen; das heißt, ich will wissen, welche Chance dieses Feld, in dem der Mensch arbeitet und wohnt, für eine leibseelische Entwicklung bietet, die als ausgeglichen gelten kann.

Auch im Binnenraum der technischen Zivilisation, der ihn mehr und mehr als zweite, für ihn allein relevante Natur umgibt, bleibt der Mensch primäres Naturwesen. Seine Anpassungsfähigkeit ist enorm; was dabei aber leicht übersehen wird, ist die Tatsache, daß offenbar nur, wenn bestimmte Minimalbedingungen erfüllt werden, die Kümmerform seines Existierens überschritten wird. Mit anderen Worten: Die Geschichte der Menschheit ist, wie die Ethnologie gelehrt hat, voll von Beispielen unproduktiver, eben kümmerlicher Gesellungsformen, deren mentales Niveau sehr bescheiden blieb. In der Vergangenheit waren es vornehmlich die unzureichenden oder einseitigen Ernährungsbedingungen, klimatische Unbill oder natürliche Feinde, die bedrückend wirkten. Im Binnenraum der zweiten industrietechnischen Natur sind es andersartige feindliche Belastungsfaktoren, die eine freie Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten schleichend, aber deshalb nicht weniger gravierend hemmen und zu typischen Verkümmerungen führen können. Wiederum: es ist nicht besser oder schlechter, als es früher war – es ist anders. Es hat nie und wird nie eine beste menschliche Selbstdarstellung geben – es gibt immer neue, andere – aber eben auch so andere, neuartige, daß wir von Mutationsvorgängen reden dürfen.

Es ist schwer, fördernde und toxische Einflüsse innerhalb einer Kultur auseinanderzuhalten, weil man sich dabei doch immer an einem historisch definierten Typus von Menschen orientieren muß. Wenn wir also eine steigende Jugendkriminalität als Signal und Hinweis auf eine gewisse Asozialität haben, dann ist das beunruhigend. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß man Jahrhunderte hindurch nicht von einer Stadt zur Nachbarstadt reisen konnte ohne bewaffneten Geleitschutz, dann scheint freilich das Bandenunwesen der "Cosa nostra" gar nichts Besonderes. Jedoch sind die Voraussetzungen, die jeweils in asoziales Verhalten einmünden, ganz verschiedene. Im Mittelalter war es das chronische Elend großer Bevölkerungsschichten – heute ist es gewiß nicht materielles Elend, vielmehr sind es typische Verelendungsfaktoren unserer Zivilisation, zu denen die Stadtstruktur wichtig beiträgt.

Der junge Mensch ist noch arm an höherer geistiger Leistungsfähigkeit, er ist weitgehend ein triebbestimmtes Spielwesen. Er braucht deshalb seinesgleichen – nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es – aber man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr lernt, zum Beispiel, ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem, Ort und Initiative. Um Schwung zu haben, muß man sich von einem festen Ort abstoßen können, ein Gefühl der Sicherheit erworben haben.

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Der Slumbewohner empfindet für sein Milieu nicht nur Abscheu sondern auch Sentiment.. Bestimmte Soziologen schwärmen von dem Isolierungsbedürfnis des Städters. Das klingt ganz plausibel, wenn man sich an die zänkische, ränkesüchtige Atmosphäre des Dorfes erinnert. Aber wenn der Jugendliche des Slums oder aber auch jener des komfortablen Vorstadtmilieus mit emotioneller Spar- und Rohkost aufgezogen – wenn beide Jugendlichen, äußerlich so verschiedener Herkunft, plötzlich in die gleichen sadistischen Gewalttaten einmünden, in blinden Zerstörungsdrang, wenn der angeblich so isolierungsfreudige Städter Jahr für Jahr mehr Alkohol trinkt, nicht weil er sich am Saft der Trauben labt, sondern weil er sich besaufen muß, wenn er Jahr für Jahr blindlings mehr Kilometer herunterrast in seiner fragwürdigen Freizeit, weil er es nirgends mehr aushält – dann wird mir die so bejahend, so unsentimental sich gebende soziologische Kritik eigentlich zum Anlaß, weiter eindringen zu wollen.

Hier hätte die harte Kritik anzufangen. Warum werden unsere städtischen Kinder nicht wie Menschenkinder behandelt, sondern wie Puppen oder Miniaturerwachsene, von Erwachsenen aufgebracht, deren gänzlich unnötig sie verkrüppelnde städtische Vorerfahrungen sie schon gar nicht mehr wissen lassen, was der Mensch bis zum 6. und bis zum 14. Lebensjahr für eine Umwelt braucht, um nicht später ein Renten- und Pensionsbettler zu werden, einer, dem nichts mehr unter die Haut geht, außer wenn man ihn daran hindern will, an den Brüsten irgendeiner Rentenanstalt zu saugen?

Das – und nicht nur die ästhetische Gestalt unserer Städte – habe ich im Auge, wenn ich an die verbaute Zukunft des Städters denke. Der Mensch und seine Umwelt sind untrennbar. Der städtische, vielmehr der Mensch der Siedlungs- und Produktionsballungen und die Lebensbedingungen, die sie ihm geben, sind untrennbar. Wenn es nicht nur zu einer Planung für einen enthemmten Prozeß der Vermehrung und der wirtschaftlichen Produktion und des Verbrauches kommen soll – oder bei ihm bleiben soll –, dann müssen wir ganz scharf zu sehen lernen, was gelungene Anpassung, was Biopathologie der industriellen Massenzivilisation ist.

Es ist natürlich lukrativer – wie die Dinge liegen –, ein Rasenstück an eine Versicherungsgesellschaft zu verkaufen, statt einen Spielplatz für Kinder daraus zu machen. Es ist ungleich bequemer, die unproduktiven alten Menschen irgendwo an gottverlassenen Orten in Altersheime anzusiedeln, als sich zu bemühen, Lösungen zu finden, in denen sie produktiv und wenn nicht mehr das, so doch respektiert unter uns bleiben können. Manches Altersschicksal verliefe anders, wäre die Struktur unserer Siedlungsräume nicht von bornierter Profitgier verzerrt.