I.

Über die Gruppe 47 ist im letzten Jahr viel geredet worden – zuviel. Zum Teil hatte es unerhebliche Gründe: Es war ein Jubiläumsjahr, Glück- und Unglückswunschadressen wurden dargebracht, ein Almanach erschien, hier und da wurde die verstrichene Zeit mit Diplom- und Doktorarbeiten quittiert.

Anderes wirkte nachhaltiger: das Manifest, anläßlich der Spiegel-Aktion vor einem Jahr von einigen Teilnehmern an der Berliner Gruppentagung (und vielen anderen) aufgesetzt und unterzeichnet, das dank einiger mißverständlicher Formulierungen „die Gruppe“ in den Ruf brachte, eine Verschwörung von Landesverrätern zu sein; der „Fall Schnurre“, mit dem die Gruppe nichts zu schaffen hatte und der doch dazu führte, daß an den Rundfunkanstalten ernstlich nach geheimen Einflüssen des linksintellektuellen Gruppengeistes gefahndet wurde; das Wort von der „geheimen Reichsschrifttumskammer“, mit dem Josef-Hermann Dufhues bekundete, mit wieviel feindseligem Mißtrauen und wie geringen Kenntnissen die Regierungspartei dem literarischen Leben in Deutschland gegenübersteht, und das auch ein gerichtlicher Vergleich nicht aus der Welt genommen hat; oder die Rache- und Morddrohungen, die eine langjährige Teilnehmerin an den Gruppentagungen, Ruth Rehmann, erhielt, weil sie in einem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Prosastück das Veteranenwesen nicht eben ehrfurchtsvoll verklärt hatte.

Auf solche Art wurde die Dämonisierung der Gruppe betrieben. Nicht sie spielte sich hoch, das besorgten ihre Feinde. Es fällt nicht schwer, vorauszusagen, was eine demoskopische Untersuchung heute über ihre Geltung ermitteln würde: nämlich daß sie eine staatszersetzende (und, in bundesdeutscher Logik, folglich kryptokommunistische) Organisation sei, eine Art von Racket, der einigen Auserwählten Protektion gewährt, dem ahnungslosen Leser seine Lektüre aufzwingt und Verlage und Redaktionen unterwandert – oder aber, daß es sich um eine Gemeinschaft von Auserwählten handele, einen Musenhain, in den aufgenommen zu werden höchste Ehre und eine Bürgschaft für evigen Ruhm bedeutet.

Es ist ein Nimbus von Mißverständnissen, der die Gruppe heute umhüllt, und wozu er fährt, zeigte sich, am Rande, auch auf ihrer diesjährigen Tagung im schwäbischen Saulgau. Im Lokalblatt, der Schwäbischen Zeitung, fielen Worte wie „Schriftsteller-Olymp“ und „erlauchter Kreis“, und um die Wirkung der Gruppe, zu verdeutlichen, griff der Autor des Artikels zu biblischen Bildern: Weihrauch und Schwefeldampf. Und auf der anderen Seite erregten sich einige Saulgauer Gemeinderäte („Männer, die wohl nie ein Buch in der Hand gehabt haben“, wie ein Einheimischer sagte) am Stammtisch darüber, daß ausgerechnet ihr sauberer und frommer Ort Männern wie Böll und Hochhuth (von denen der eine nicht da war, der andere nie das mindeste mit der Gruppe 47 zu tun hatte) Herberge gewähren sollte. Bezeichnenderweise wuchs sich dieser Umstand innerhalb der Gruppe zu dem Gerücht aus, Gemeinderat, Lehrer und Pfarrer hätten darauf gedrungen, die „Kommunistenbande“ zu vertreiben. Die Wahrheit über die Zustände in Deutschland liegt weniger im Ir.halt solcher Behauptungen; sie liegt in dem nahezu reflexhaften Prozeß der Umdeutung, diesem Mechanismus der Unvernunft.

II.

Saulgau erreicht man auf dem Verkleinerungsweg – die Bahnhöfe werden immer winziger, die Aufenthalte immer länger. Das Hotel, das die hundert Schriftsteller, Fast-Schriftsteller, Kritiker, Literaturprofessoren, Verleger und Journalisten aufnahm, die Hans Werner Richter einer Einladung für würdig befunden hatte, war ehemals eine Relaisstation der Thurn-und-Taxisschen Post zwischen Stuttgart und dem Bodensee. Die Trinksprüche der reichhaltigen Weinkarte waren unter Schweiß gereimt worden. Über dem Sessel, auf dem die Lesenden Platz nahmen, hing das Ölporträt eines Mannes mit Adenauer-Physiognomie („Magnus Kleber ex Riedlingen, 1756“). Die meisten Anreisenden hatten einen weiten Weg; sie kamen aus Helsinki, Stockholm und dem Oslo-Fjord, aus Boston, Procida, La Spezia – und die Weite des Wegs, den die deutschen Schriftsteller heute haben, um zusammenzukommen (mit anderen Worten: das Fehlen einer literarischen Kapitale), ist einer der Gründe dafür, daß die Gruppe 47, allen Prophezeiungen zum Trotz, weiterbestanden hat und weiterbestehen wird. Träfe man sich ohnehin alle Tage, so wäre sie überflüssig.

Einige Schriftsteller aus der DDR waren eingeladen worden: Johannes Bobrowski, Peter Huchel, Christa Reinig, Günter Kunert, Manfred Bieler. Die Ausreisegenehmigung sollte nur Bobrowski erhalten, der Preisträger des letzten Jahres, und nur unter der Bedingung, daß eine Delegation ihn begleite. Im letzten Augenblick dann ließ man ihn doch alleine fahren; nur ein Herr M. W. Schulz aus Leipzig begleitete ihn und las selber aus einem robusten Kriegsroman, der ihm wenig Beifall eintrug.

Eine Seuche muß unter den Russen ausgebrochen sein. Von den Schriftstellern, die eingeladen waren (unter ihnen Wosnessenskij und Bella Achmadulina), kam, angeblich wegen plötzlicher Erkrankung, niemand; nur zwei der Funktionäre, die vorsichtshalber mit eingeladen worden waren, erschienen, begleitet von zwei Beamten der Sowjetischen Botschaft. Ein Paket war bestellt worden, erhalten hatte man, so wurde gespottet, die Verpackung samt Bewachung.

III.

Dichterlesungen gab es überall und allerzeit: vorne der Meister, ihm gegenüber ein andächtiges Auditorium. Auch daß sich Dichter zu Gruppen, Schulen oder Zirkeln oder in Salons oder Kneipen zusammenfinden, ist seit langem üblich, und das kritische Gespräch über Literatur ist so alt wie diese selbst. Doch der Modus der Gruppe 47 dürfte etwas Neues und ganz und gar Einmaliges sein: Der Schriftsteller liest aus einem work in progress Und hat schweigend anzuhören, was Kollegen und Kritiker zugunsten oder zuungunsten seines Textes vorzubringen haben. Schonung wird nicht geübt, und auch die ältesten Siebenundvierziger sind vor härtesten Urteilen nicht völlig sicher.

Es ist Hans Werner Richters gar nicht genug zu würdigendes Verdienst, daß er es verstanden hat, der Gruppe eine Art konstitutioneller Unbestimmtheit zu erhalten: daß er sie weder zerflattern ließ, noch ihr eine zu straffe Organisation auferlegte. Weder handelt es sich um zwanglose Zusammenkünfte mehr oder weniger befreundeter Kollegen zu geselligem Geplausch, noch um einen auf bestimmte Ideologien oder Ästhetiken eingeschworenen Verein, mit Präsident, Schatzmeister, Sekretariat und Tagesordnungen. Die Mischung aus Caféhaus und literarischem Seminar, die die Gruppe heute ist, dürfte einzigartig sein – und um so erstaunlicher, als sie in einem Land verwirklicht wurde, das zwar nicht unbedingt die Ordnung, aber die Organisation liebt und in dem kein Kegelklub ohne ausführliche Statuten auskommt. Daher auch die Schwierigkeit, die Gruppe 47 zu definieren; nur was sie alles nicht ist, läßt sich leicht sagen. Noch nicht einmal, wer. zu ihr gehört, steht fest. Alle, die jemals an ihren Tagungen teilgenommen haben? Die immer wieder Eingeladenen? Die gerade Anwesenden? Unmöglich zu sagen. Ist Richter der Kern, so wird es um ihn herum schnell diffus und schließlich vollends unbestimmbar. „Ich weiß, wer dazugehört“, sagte er zum Schluß dieser Tagung. „Aber ich habe es noch nie gesagt und werde es niemals sagen.“

IV.

Im Unterschied zur letzten Tagung in Berlin, die verstört war durch Kubakrise und Spiegel-Affäre und Bedrohlicheres vor Augen hatte als Formulierungen von fragwürdiger Qualität, wurde in diesem Jahre drei Tage und Nächte lang ganz allein von Literatur gesprochen. Nicht über die SS-Grade im Verfassungsschutz, nicht über den Befehlsnotstand, nicht über den Regierungswechsel erhitzten sich die Geister, sondern über falsche Konjunktive, zweifelhafte Partizipalkonstruktionen und Fragen wie: Läßt sich Banales durch Banales darstellen? Braucht es neue ästhetische Maßstäbe, um „statische“ Prosa wie die von Peter Weiss oder Gisela Elsner zu beurteilen? Wo ist die Linie, die Literatur von bloßer Unterhaltung trennt – oder gibt es nur Unterhaltungsliteratur?

Fünfundzwanzig Autoren lasen, fünfzehn von ihnen zum ersten Male, nämlich: Hans Frick (so etwas wie eine Erzählung über deutsche Greueltaten im Osten), Hubert Fichte (den Anfang seines Romans „Das Waisenhaus“), Kurt Sigel (Gedichte in verschiedenen Manieren), Erich Fried (Gedichte), Manfred Peter Hein (Gedichte), Hans Christoph Buch (eine breite ländliche Anekdote), Louis Jent (ein Romankapitel), der Finne Veijo Meri (Günter Grass las für ihn: den Anfang des Romans „Das Hanfseil“), Konrad Bayer (kurze Prosastücke aus seinem Roman „Der sechste Sinn“), Josef Junker (Uwe Johnson las für ihn die Erzählung „Der Hausfreund“), Uwe Fischer (eine bemühte Erzählung mit dem Titel „Analyse eines Selbstmords“), Max Walter Schulz aus der DDR (ein Kapitel aus seinem Kriegsroman „Wir sind nicht Staub und Wind“), Ulrich Becher (zwei Abschnitte aus seinem Roman „Das Herz auf der Stirn“), Christine Koschel (Lyrik) und Walter Alexander Bauer (zwei anscheinend interpunktionslose Prosastücke).

Nicht zum ersten Male lasen: Gabriele Wohmann (eine Erzählung, in der eine frustrierte Frau eine Nacht hindurch das D-Zug-Abteil mit einem Mörder teilt), Johannes Bobrowski (zwei Stücke lyrischer Prosa über das Thema „Fortgehen“), Rolf Haufs (aus seinem Roman „Das Dorf S.“), Hans Magnus Enzensberger (alte und neue Gedichte), Wolf gang Hildesheimer (aus seinem Roman „Tynzet“), Gisela Elsner (aus ihrem als „Beitrag“ bezeichneten Roman „Die Zwergriesen“), Peter Weiss (Moritaten und Monologe aus einem Drama um Marat und de Sade), Dieter Wellershoff (aus dem Hörspiel „Bau eine Laube“), Ruth Rehmann (aus einem Roman vom Veteranentum) und Helmut Heißenbüttel (Gedichte).

Von denen, die ihr Debüt gaben, kamen nur wenige (wie Hubert Fichte), glimpflich und nur zwei gut davon: Erich Fried (der freilich kein Anfänger ist und den entdeckt zu haben sich die Gruppe schwerlich zugute halten darf) und der Wiener Konrad Bayer. Zwar griff die Kritik, erfreut, nach manchem Tristen endlich einmal guten Gewissens lachen zu können, arg hoch („Ich und Kosmos!“ – „Kosmologie!“ – „Anthropologie!“), und Ernst Bloch, zum erstenmal Gast der Gruppe 47, der am Abend zuvor mit alttestamentarischer Geste ein Nichts von einer Geschichte auf den Kehricht gefegt hatte, bestätigte ausdrücklich, daß hier eine neue Form gefunden sei, von der die Philosophen etwas lernen könnten – aber eine kabarettistische Begabung vom Schlage Qualtingers, und vermutlich noch subtiler, ist der junge Konrad Bayer ohne Zweifel. Wie sich seine labyrinthischen Entwürfe gedruckt und im Zusammenhang ausnehmen, bleibt abzuwarten; eine originelle Sprechplatte aber gibt das zumindest.

Undsonst? Gisela Elsner präsentierte sich (trotz falscher Konjunktivketten) als möglicherweise doch ernstzunehmende Schriftstellerin. Man stritt sich darüber, ob in ihrer retardierenden Beschreibung einer Hochzeitsfeier die Form den Stoff verzehrt habe, ob sie mit erlesenen oder selbsterfundenen Techniken arbeite und ob es eine Schande sei, wenn Schriftsteller Stilmittel voneinander übernehmen (Sebastian Haffner: „Nur so entstehen doch literarische Epochen!“) – und man bemerkte nicht, daß Form und Stoff hier einander nicht gleichgültig gegenüberstanden, sondern beide bestimmt waren von einer einzigen und intensiven Stimmung, dem kalten Haß auf die erstarrten Lebensformen einer kleinlichen, stickigen Bürgerwelt, die sich aus ihrer Kläglichkeit noch nicht einmal mehr herauszuwünschen vermag.

Wolfgang Hildesheimers Roman: eine Ausweitung dessen, was er in seinen „Vergeblichen Aufzeichnungen“ unternommen hat. Ein Bewußtsein steckt seine Grenzen ab, erschöpft seinen Raum, um dann – zu schweigen? Es bleibt abzuwarten, wie sich der Ernst des letzten Wortes mit der gefälligen, fast mondänen Eleganz dieser Prosa vertragen wird.

Dieter Wellershoff: drei monologisierende Stimmen, sehr leise, sehr diskret, einer gemeinsamen Vergangenheit gedenkend, die sich entzieht, darum immer wieder die Zurücknahme des so vorsichtig Gesagten.

Hans Magnus Enzensberger: seine neuen Gedichte, von ihm selber deutlich von jenen früherer Stadien abgehoben („Wörterbuchakrobatik“ sagte Grass diesen nach), verbeißen sich in keine Polemik, scheuen Metaphern und Folgerungen, sagen oft „ich“, „ich sah“, „ich las“, nennen die Namen der Dinge, die Dinge beim Namen. Ein Dichter, der von seinen Meinungen, Erfahrungen und Wünschen nicht besessen ist, sondern sich vielmehr selber sieht, aus großer Distanz: „das besagt nichts“ – „das ist möglich“ – „es ist nicht schade um deinen namen“.

Helmut Heißenbüttel: eine Lesung, die außerordentlich lehrreich war. Wer sie gehört hat, weiß in Zukunft, wie Heißenbüttel zu lesen ist – auf das Schweigen zwischen den Worten kommt es an. Günter Grass nannte ihn sogar und nicht zu Unrecht einen realistischen Lyriker, der dem Anschein entgegen durchaus zusammenhängende Texte böte, wenn auch in Bruchstücken. Im übrigen zeigte sich hier, wie sehr noch das kritische Instrumentarium fehlt, mit dem diese in einer „an sich selbst zweifelnden, verschwindenden Sprache“ (Wellershoff) geschriebene Dichtung zuverlässig zu beurteilen wäre.

Und Peter Weiss: er ist jedesmal ein anderer. Wer geglaubt hatte, nach dem „Gespräch der drei Gehenden“ würde er sich auf eine modellhafte Miniaturprosa der reinen Phantasie zubewegen, sah sich eines anderen belehrt. Sein neues Drama, das im April in Berlin uraufgeführt werden soll (der vorläufige Titel lautet: „Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“), ist ein Historienstück im Moritatenton, die französische Revolution und die Heraufkunft Napoleons aus der Irrenanstalt Charenton gesehen, eine Erörterung des Terrors, möglicherweise ein Thesenstück. Schriftsteller, die wie Weiss immer anders und immer voraus sind, sie bildeten die wahre Avantgarde, meinte Walter Höllerer – und nicht jene, die heute schreiben wie Weiss zur Zeit des „Schattens des Körpers des Kutschers“. Möglicherweise mehr noch als von Weiss’ Lesung (und den Trommelrhythmen, mit denen er sie unterstrich) war das Publikum von dem atemberaubenden exegetischen Impromptu beeindruckt, zu dem sie Hans Mayer inspirierte.

Das waren die Höhepunkte. Entdeckungen, die eine Vergabe des Preises der Gruppe 47 gerechtfertigt hätten (er ist den noch wenig bekannten Autoren vorbehalten), waren nicht darunter. Die meisten Teilnehmer meinten, im Vergleich zu früheren Jahren sei das Ergebnis mager, Ein Eindruck, der wohl daher kam, daß das Niveau der Lesungen immer wieder jähe Baissen erlebte – und daß auch noch die anspruchslosesten Texte Fürsprecher fanden. Rein formale Kategorien bliesen sich da zu Werturteilen auf: „additives Prinzip“, „episch-dramatische Mischgattung“. So daß Walter Jens schließlich die Geduld verlor; er denke nicht daran, seine chirurgischen Bestecke, die für eine Herz-Lungen-Operation vorgesehen seien, für die Entfernung eines Hühnerauges zu benutzen – solches waren seine Worte.

V.

„Die Kritik“ – wer ist das? Es ist ein Saal voller Statisten und ein paar Köpfe, die wunderbarerweise imstande sind, einen einmal gehörten Text, ein herausgebrochenes Stück aus einem größeren Kontext, sofort zu sezieren und zu wiegen.

Walter Höllerer: immer sachlich, immer bereit, auch notfalls als erster zu sprechen, niemals ausfällig, wiegt er das Gehörte im Sinn. Seine Lieblingsredensart, in der die Zustimmung über alle Bedenklichkeit triumphiert: „Ich glaube schon...“

Walter Jens: seine Lieblingsredensart ist „Was haben wir hier vor uns?“ So nimmt er Abstand, legt den Kopf schief, kneift die Augen zusammen, prüft, um zu einem „Immerhin...“ zu kommen oder zu einem „Nein, nein, nein“, das gleichzeitig aller Tollheit der Welt gilt.

Hans Mayer: so schnell wie er spricht keiner sonst, in diesen historischen Dimensionen denkt niemand. Ob er etwas gut findet oder nicht, weiß man oft nicht so recht – genug, daß er es einer gespannt lauschenden Versammlung als bedeutungsvolles geschichtliches Phänomen vor Augen führt.

Ivan Nagel: er ist auf die „weltliche Nützlichkeit“ (Martin Walser) des Gehörten bedacht. Was bringt es ein? Welche Moral verrät es? Und ist nicht auch schlechter Stil unmoralisch?

Marcel Reich-Ranicki: auch in seinem leidenden Schweigen (und er schwieg viel in diesem Jahr) waltet er seines richterlichen Amtes.

Und von den kritisierenden Kollegen –

Günter Grass: ungeheuer aufmerksam und immer vom handwerklichen Detail her argumentierend;

Heinz von Cramer: zu leidenschaftlichem Widerspruch geneigt, immer einer Versammlung von blockheads gegenüber und zuweilen, aber gerne, zu krassen Attributen hingerissen („miserabel!“, „grandios!“); im übrigen jemand, von dem man annimmt, daß ihn auch der Anblick eines natürlichen Bauern zu spöttischem Grimm reizen würde, so verabscheut er den Kult, der einst mit der Scholle getrieben wurde.

VI.

Hier also herrscht zuweilen ein rauher Ton. Manche Freunde der Gruppe haben nachzuweisen versucht, warum die Kritik, die viele der Lesenden über sich ergehen lassen müssen, schließlich doch nicht tödlich sei: Sie könnten sich damit trösten, daß sie falsch ausgewählt hätten, daß der Zusammenhang manches klären werde, daß die geneigten Hörer gerade nicht dabeigewesen seien.

Doch natürlich ist die Kritik manches Mal mörderisch. Gut für den Autor, der es dennoch nicht merkt. Ich habe sie sitzen sehen, unter sich, die Durchgefallenen, Geschlagenen, denen Prädikate wie Hör-zu-Niveau, letzter Dreck (der Ausdruck, der fiel, war noch rüder), liederlicher Stil, Eklektizismus, Bedeutungslosigkeit, Skandal, prätentiöse Erbärmlichkeit zuteil wurden oder Urteile wie: „Vom Alphabetismus her kommt man da nicht mehr heran.“ Sie saßen da, noch fahler als die angestrengten anderen, und suchten ihr Selbstbewußtsein wiederherzustellen: „R. hat mich aber doch freundlich angesehen“, „J. kann nicht richtig hingehört haben“ ... Glücklich noch jene, deren Scheitern unmittelbar mit ihrem dicken Fell zusammenhängt oder mit ihrem von keiner Kritik erreichbaren Größenwahn.

Nicht, daß vor einer „Polizeiaufsicht“ der Gruppe 47 gewarnt werden müßte – eine Gefahr für die deutsche Literatur, die Gefahr, daß hier zarte, wertvolle Reiser rücksichtslos zertreten werden, besteht wohl kaum. Die Kritiker huldigen keiner Standardmeinung, sie korrigieren sich gegenseitig, und was sich am Schluß, unter dem Strich, als Urteil ergibt, scheint selten ungerecht. Da es außerdem ungefähr das Urteil ist, das die betreffenden Autoren draußen, außerhalb der Klausur, in der freien Luft der Demokratie (die Günter Blöcker der Gruppe irrigerweise entgegenhalten zu müssen glaubte), zu gewärtigen haben – denn alle Spielarten der Kritik sind hier prototypisch vertreten – können jene, an denen kein gutes Haar gelassen wurde, alle Hoffnung fahren lassen.

Warum aber kommen sie, warum begeben sie sich in Gefahr? Es ist eine Art von hypnotischem Effekt: Je strenger und schonungsloser die Kritik, desto größer die Herausforderung, desto verführerischer die Möglichkeit, man könne vielleicht doch vor ihr bestehen. „Manipulationen“ (eine Worterfindung der Unselbständigen) sind von der Gruppe nicht zu erwarten – daß sie dem Publikum mittelmäßige Begabungen aufnötigen könne, ist eine Legende, die ihre Gegner ersonnen haben. Aber wer vor ihr besteht, wird hoffen dürfen, auch vor dem anonymen Publikum zu bestehen; und wer vor ihr kneift, kneift vor den Ansprüchen seines Gewerbes. Darum begeben sie sich in Gefahr. Darum versenken sie die Einladungen nicht in den Papierkorb. Darum kommen sie.

Alles zugegeben: daß die Schonungslosigkeit dieser mündlichen Kritik der Literatur selbst keinen Schaden tut, daß jede Rücksicht die Kritik wertlos machte, daß die Literatur kein Reich der Milde ist, daß jeder, der Geschriebenes der Öffentlichkeit aussetzt, auf alles gefaßt zu sein hat – ich für mein Teil vermag Massaker nicht zu genießen, die eigentümliche Genugtuung, mit der manche Habitués der Gruppe vom „elektrischen Stuhl“ sprechen, erfüllt mich mit Mißtrauen, der hier verhängte Ausnahmezustand, in dem die Notwendigkeit der Aufrichtigkeit nicht mehr wie sonst gegen die Notwendigkeit des Taktes abgewogen zu werden braucht, ist mein Fall nicht. Je besser die gelesenen Texte, je subtiler die Kritik, desto sympathischer wird auch das Gruppenritual – aber sobald sich Unwille und Gereiztheit breitmachen, sobald die Szene zum Tribunal wird, und in diesem Jahr wurde sie es immer und immer wieder, desto hartnäckiger stellte sich auch die Frage ein, wozu das grause Schauspiel wohl diene, wem noch mit allem diesem Aufwand ein Dienst erwiesen werde.

VII.

Drei Tage lang: ein ganzes Haus voll denkender Monomanen. Drei Tage lang: ein Gutteil der deutschen „Ausdruckswelt“ unter einem Dach. Drei Tage lang: Leute, die Verschiedenes wollen, die sich wenig Freundlichkeiten zu sagen haben, die oftmals ganz und gar nicht liebenswürdig übereinander gesprochen und geschrieben haben, beraten über die werdende Literatur. Drei Tage lang: Leute, von ähnlichem Ausdruckszwang besessen, die das Jahr hindurch ins Vage und Anonyme hinein arbeiten, spielen sich mit Erfolg das erhoffte, das sonst nie faßbare Publikum vor. Leicht ist das nicht; imposant ist es schon.