GÖTTINGEN (Deutsches Theater):

"Die Schlüsselbesitzer" von Milan Kundera

Der Autor ist Tscheche, 34 Jahre alt und Staatspreisträger. Was sein Schauspiel zu Hause bedeuten mag, läßt sich ahnen: An einem historischen Beispiel während der deutschen Ockupation der Tschechoslowakei wird demonstriert, daß stilles Bürgerglück Verrat sein kann, Heldentum auf jeden Fall Pflicht ist. Was Heinz Hilpert bewog, die deutsche Erstaufführung zu inszenieren, mag ebenfalls ein politischer Impuls gewesen sein. Doch am bühnenwirksamsten stellt Kundera dar, was er diffamieren möchte: Ein tschechischer Major a. D., Reaktionär und Ordnungsfanatiker, bringt mangels eines Regiments unzählige Uhren in seiner Wohnung auf Vordermann. Mit seinem in Untermiete bei ihm lebenden Schwiegersohn kann er sich bis zur Weißglut erhitzen über zwei fehlende Schlüsselbunde. Frau Major hätschelt indessen das talentlose Töchterlein, eine verhinderte Ballettratte. Nebenan macht die Sexpuppe ihren Jirka, einen entlaufenen Widerstandskämpfer, mit umgekehrtem Striptease kirre. Das alles kann Kundera naturalistisch auspinseln. Was er nicht kann, aber offensichtlich will, ist die Entwicklung eines Charakters: die Rückkehr des Widerstandskämpfers in den Kreis der "Helden". Als dramaturgische Eselsbrücken werden "Visionen" eingeschoben, Zwischenakte, in denen Appelle, Reflexionen und Ausblicke gegeben werden. Hilpert hätte bemerken müssen, daß sein "Held" von dem Schauspieler Oswald Fuchs zu einer fast pathologischen Studie abgewertet wird. Indessen, der Hilpertsche "Spätstil" gibt sich mit dem Erreichbaren zufrieden. Das war hier zu wenig. Geistig und künstlerisch.

KIEL (Studio im Schauspielhaus):

"Galgenhumor" von Jack Richardson

Des 28jährigen Amerikaners Stück in zwei Teilen, die nur eine Nebenfigur gemeinsam haben, spiegelt dasselbe Problem von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus. Im ersten Teil klammert sich ein Mörder wider Willen in der Hinrichtungszelle an die Strafprozeßordnung. Er kultiviert förmlich die Enge und Übersichtlichkeit der Haft als Schutz gegen die Ordnungslosigkeit der Welt und des eigenen Inneren. Im zweiten Teil revoltiert der Scharfrichter dagegen, daß er zwanzig Jahre lang nur Rädchen in der Staatsmaschinerie gewesen ist. Wenigstens eine schwarze Kapuze sollte man ihn aufsetzen lassen, damit seine "Persönlichkeit" sichtbar werde. Dem Mörder in Teil I wird zu seinem Entsetzen eine behördlich approbierte Staatsdirne in die Zelle geschickt. Sie soll ihm die letzten Stunden versüßen und so der Zeremonie der Todesstrafe die Grimasse der Todesangst nehmen. Der Scharfrichter in Teil. II würde gar zu gern in solche Triebfluren ausbrechen, doch seine Ehefrau ist viel zu stark, und Gewohnheiten sind nicht zu durchbrechen. Richardsons groteske Einfälle sind so amüsant wie bezeichnend. Der Autor führt realistische Protokolle der Ausweglosigkeit, ohne naturalistisch zu werden. Alle Personen reden dieselbe Sprache – Variationen über ein psychologisches Thema. Eingebaut sind einige nicht einfache Spielszenen. Der Kieler Regisseur Giselher Schweitzer hatte diese Struktur nicht durchschaut. Er wollte Lokalfarbe hineinbringen, ließ die Dirne nur ordinär erscheinen, kaschierte dann aber schamhaft Details. Man bog sich den Text zurecht, obwohl er von Robert Schnorr und Günther Penzoldt übersetzt ist. So verfehlte die Aufführung den Stil und verschandelte einen Autor, um den es schade ist. Jac