Von Otto F. Beer

Ehe wieder einmal Krach an der Oper alles andere übertönte, ergaben sich Wiens Theater einem viel friedfertigeren, übrigens eher branchenfremden Wettbewerb in der Kunst des Sichälter-Machens. Das Burgtheater hatte angekündigt, es werde diesen Herbst seinen 75. Geburtstag feiern, richtiger gesagt: den Geburtstag des Hauses am Ring, das man seinerzeit das „neue Burgtheater“ genannt hat. Daraufhin kündigte die Josefstadt an, sie feiere ihren 175. Geburtstag, denn immerhin sei sie 1788 (als Wiens kleinstes Vorstadttheater) eröffnet worden. Da mußte denn doch das Burgtheater darauf hinweisen, daß das alte Burgtheater (der Vorläufer des heutigen Ringstraßengebäudes) bereits 1776 begründet worden sei, man somit in dreizehn Jahren eine Zweihundertjahrfeier begehen werde. Nun: da konnte niemand mehr mitbieten.

Daß die große staatliche Schauspielbühne und das nicht ganz so finanzstarke Privattheater (mit einiger Subvention), so hart nebeneinander mit großem Aplomb ihre Geburtstagskuchen anschnitten, das nahm den Wienern auch vor der Opern-Affäre schon jede Möglichkeit, irgendwelche Kunstfragen außerhalb des Dunstkreises der beiden Jubilare auch nur wahrzunehmen, geschweige denn, sich mit landesüblicher Hitzigkeit darüber zu ereifern.

Die Josefstadt hat vor kurzem ihren offiziellen Festakt absolviert, will aber eine ganze Saison lang feiern: indem sie möglichst viele Koryphäen, die einst an diesem Theater gewirkt haben, nun als Gäste wieder zurückführt. Der Anfang ist schon im September mit Luise Reiner gemacht worden, doch läuft das „Unternehmen Erinnerung“ bis zum Juni.

Die Burg kam eher mit einer geballten Ladung: In einem großen vormittäglichen Staatsakt wurde zuerst das komplette Programm gespielt, mit dem man 1888 das Haus eröffnet hatte – Grillparzers „Esther“-Fragment und „Wallensteins Lager“.

Danach nahm das gesamte Ensemble auf der Bühne Platz (Bühne und Ensemble weisen gleichermaßen gewaltige Maße auf), es sprach Burgtheaterdirektor Häussermann und Unterrichtsminister Drimmel. Dann ging ein reicher Segen an Orden, Auszeichnungen, Kammerschauspieler- und Professorentiteln nieder. Und das am Montagmorgen

Am späten Nachmittag saß man schon wieder bereit für die Abendvorstellung, denn die brachte nicht nur die Uraufführung von Zusaneks „Welttheater“, sondern vorher noch einen Geburtstagsgruß der Wiener Philharmoniker in Form der Jupitersymphonie unter Böhm und eine kleine Familienfeier. Fünfzehn der Nobeln des Burgtheaterreiches saßen wie Jedermanns Tischgenossen um eine lange Tafel und erzählten mit verteilten Rollen nach einem Text Friedrich Schreyvogls aus der Geschichte des Hauses.