Der Start unserer Equipe in Amerika wurde erst durch eine Kollekte möglich

Von Ulrich Kaiser

New York, im November

1954 reiste zum ersten Male nach dem Kriege eine deutsche Reiter-Equipe zu den großen Turnieren nach Harrisburgh, New York und Toronto in die USA und nach Kanada. Der Start von Hans Günter Winkler, Fritz Thiedemann und Helga Köhler stand damals bis zuletzt in Frage, denn es fehlte am lieben Geld! Erst als in der Presse eine Notiz erschien, nach der eine Amerikanerin 6000 Dollar für diesen Trip gesammelt habe, schien einiges gesichert. Es galt allerdings, den nicht unbeträchtlichen Restbetrag zusammenzubringen. Dr. Peter Kessler, ein Arzt in New York, der seit 1923 in den Staaten lebt, gab seiner vom Pferdesport begeisterten Gattin den Rat, selbst eine solche Sammlung zu inszenieren. Frau Kessler, die 1932 als deutsche Austauschstudentin in die USA fuhr und dann dortblieb, hatte Erfolg. Jenes Verständnis, das sie damals fand, ermöglichte auch in diesem Jahr den Start einer deutschen Mannschaft. Genauso übrigens, wie zwischendurch im Jahre 1958. Damals – vor nunmehr neun Jahren – hatte sich nachher herausgestellt, daß jene Amerikanerin mit den 6000 Dollar zwar existierte; es fehlte ihr nur eine Kleinigkeit: nämlich jene Summe.

Der Trip kostet 25 000 Dollar

In diesen Wochen traten Alwin Schockemöhle aus dem oldenburgischen Mühlen, Hermann Schridde aus Meissendorf bei Celle und Kurt Jarasinski aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn diese Reise an. Chef d’Equipe war Fritz Thiedemann, der sich von den großen internationalen Parcours zwar nach den römischen Olympischen Spielen zurückzog, aber nun als sachkundiger Kenner der Turniere in der Neuen Welt einsprang. Die Reise einer solchen Mannschaft kostets naturgemäß-einiges mehr, als sonst eine Gruppe von drei oder vier Sportlern. Da ist immerhin der Pferdetransport und die nicht unbeträchtliche Versicherungssumme für die acht Tiere, die dieses Jahr herübergeflogen wurden. Alles in allem beziffert man die Gesamtkosten dieses Trips auf gut 25 000 Dollar. Zu fast zwei Dritteln wurde sie wiederum durch die Kollekte jener Frau Kessler aufgebracht. Es ist ein Geld, das kaum besser angelegt werden konnte. Was den Betrachter allerdings wundert, ist die Herkunft; denn die Reise einer Reitermannschaft zur National Horse Show im Madison Square Garden von New York ist aktive Außenpolitik par excellence.

Die Begründung für diese Behauptung ist recht einfach. Die Horse Show ist ein "social event", ein gesellschaftliches Ereignis. Der große Ball im Hotel Astor am Broadway ist neben dem Opernball das Saisonerlebnis, und wenn am Abend die Lichter des ehrwürdigen "Garden" aufleuchten, wenn das Orchester mit seinen Melodien von Musicals, Märschen und Walzerklängen beginnt, füllen sich die Logen mit Damen in großer Abendtoilette, Herren in Frack und Smoking. New Yorks Obere Tausend aus Finanz, Handel und Politik gehen in diesen Tagen zur Horse Show. Eine schier endlose Kette von Parties, Cocktails und Essen reiht sich aneinander und die deutsche Mannschaft, die ihren großenRuf und ihre Tradition durch den Gewinn vieler olympischer Medaillen bestärkte, steht im Mittelpunkt. Mehr als bei jeder anderen Sportmannschaft, die sonst meist nur von der breiten Zuschauermasse beachtet wird, wird der Sinn des Good Will hier erkennbar.