Rote Flugblätter in Münster – War es Mord

Von Nina Grunenberg

Münster

Ein Drama – ein Toter – Ende: So pflegt ein Trauerspiel gewöhnlich abzulaufen. Das Drama jedoch, das sich die Münsteraner Gesellschaft seit mehr als zwei Jahren gibt, begann mit einer Leiche und ist seitdem immer ungewöhnlich geblieben. Sein Verlauf reicht aus, um die oft zitierte Münsteraner Reputierlichkeit im Schatten des Bischofstuhls in einem schiefen Licht erscheinen zu lassen, den Ruf angesehener Bürger zu schädigen und sogar Zweifel in die Qualitäten der Münsterschen Justiz zu setzen. Es fehlte nicht an Bürgern, die liebend gern am Vorhang gezogen hätten, um dem Spuk ein Ende zu machen. Aber ihrer Mühe zum Trotz wucherte die Handlung munter weiter.

Sie begann am 25. August 1961, mittags gegen 14 Uhr: Im Eheschlafzimmer seiner Wohnung Hindenburgplatz 22 wurde der Rechtsanwalt Paul Blomert, Sozius in der Anwaltsfirma des Oberbürgermeisters von Münster, angeschossen aufgefunden. Seine Ehefrau Ulla fand ihn röchelnd am Boden liegen, die Walther-Schonzeitbüchse noch in Händen. Zwei Schüsse waren in die Zimmerdecke abgegeben worden, der dritte hatte den Mann am Kopf verletzt.

Ulla Blomert rief vergeblich nach zwei ihr bekannten Ärzten und holte ihre Freunde, das Ehepaar Krabbe, zu Hilfe. Der Chefarzt des nahegelegenen Clemens-Hospitals erschien. Krabbes hatten ihn gerufen. Doch alle Hilfe für den Schwerverletzten war vergeblich. Er verstarb auf dem Transport von der Wohnung in den Krankenwagen. Noch vor der Kriminalpolizei erschien der Oberstadtdirektor am Tatort und telephonierte eilends mit dem in Italien weilenden Oberbürgermeister, um ihm den Tod seines Sozius zu melden.

Der Zufall führte auch den Oberstaatsanwalt Duhme am Hause vorbei. Dazu gesellte sich noch der Kaufmann Dr. Freiberger, ein Klient des Verstorbenen. Er konnte dem Oberstaatsanwalt erzählen, daß er Blomert noch am Vormittag in seiner Kanzlei aufgesucht habe. Dabei hatten ihn dessen Reden erschreckt: Er wolle Schluß machen und sich eine Kugel durch den Kopf schießen.

Von solchen Absichten konnte auch Ulla Blomert berichten. Die Ehe der Blomerts war schwierig. Paul Blomert hatte es selber in der Stadt herumerzählt. Zudem wußte man sogar, daß der Oberbürgermeister seinen Sozius und dessen Ehefrau getrennt ermahnt hatte, ihre Ehe in Ordnung zu bringen, sonst müsse er sich von Blomert trennen. Der Tote hatte drei Abschiedsbriefe hinterlassen, an seine Frau, seinen Vater und an den Oberbürgermeister.

Die Sache war klar und sehr peinlich: Schließlich ereignete sich der Unglücksfall in der Stehkragen-Atmosphäre der gehobeneren Gesellschaft von Münster. Eine Leichenöffnung wurde nicht vorgenommen. Die Gerichtsmediziner konstatierten lediglich den Einschuß auf der Oberlippe des Toten und den Ausschuß auf der Stirn. Die Kriminalpolizei zögerte nach alledem auch nicht, den Fall als Selbstmord zu deklarieren. Drei Tage später wurde Blomert beerdigt. Die Beteiligten versuchten, über den bedauerlichen Vorfall den Mantel der Barmherzigkeit zu breiten.

Damit gaben sich jedoch Paul Blomerts Vater und Geschwister nicht zufrieden. Der Anwalt war der einzige aus der elfköpfigen Geschwisterschar, der sich aus kleinen Verhältnissen zu Rang und Namen emporgearbeitet hatte. Zudem war er ein strenger Katholik. Ein derart ehrenrühriges Verhalten wie Selbstmord traute ihm der Vater, nicht zu. „Er hatte keine Natur für einen Selbstmord“, resümierte der Bruder Clemens Blomert. Ihr Verdacht wurde bestärkt, als man ihnen am Tage der Beerdigung auf Frau Blomerts Veranlassung verweigerte, den Toten noch einmal zu sehen. Sie öffneten daher den Sarg eigenmächtig.

Später erklärten sie, sie würden einen Eid darauf leisten, daß der Kopf des Toten große Pflaster aufwies, die von zwei oder drei Ein- und Ausschüssen herrührten. Vater Blomert erstattete Mordanzeige. Vergebens versuchte die Staatsanwaltschaft, den alten Mann zu beruhigen. Bei sorgfältiger Prüfung reichten die Verdachtsmomente ihrer Meinung nach nicht aus, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Sie sollte ihre Meinung ändern– wenn auch nur gezwungenermaßen.

Die Angehörigen hatten in Münster keinen Anwalt gefunden: Diese Mordanzeige war zu heikel. Da bot sich ihnen ein Mann namens Dr. Günter Weigand an, der sich als „Sozialanwalt“ vorstellte. Die Blomerts waren froh und griffen zu. In der Folgezeit wußten sie nicht, wie ihnen geschah: Der arbeitslose Akademiker – der sich als Lebensmotto den Bibelspruch wählte: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“ – schoß mit der geballten Kraft eines Sturzkampffliegers auf die ehrenwerte Münsteraner Haute volée nieder.

Wohin Weigand auch traf, hinterließ er Entsetzen, zerstörte Tabus und ungläubiges Kopfschütteln. Der Bevölkerung, die schon lange wissen wollte, was es mit den Gerüchten um den toten Blomert auf sich habe, bereitete er dagegen ein Festessen. Er tönte laut „Mord“ und schritt im Justizgebäude am Hindenburgplatz von Tür zu Tür, überschwemmte Staatsanwälte und Richter mit Eingaben und ließ sich auch durch „Hausverbote“ nicht stören. Da die Ermittlungsbehörden ihm keinen Glauben schenkten, rief Weigand bald auch „Mordverschleierung“ und erklärte dazu noch, es sei überhaupt fraglich, ob Blomert noch in seinem Grabe ruhe. Vielleicht sei dort nur noch ein Besenstiel. Palmsonntag 1962 stellte Vater Blomert einen Exhuminierungsantrag. Die Justizbehörden rührten sich nicht.

„Helfen Sie mir!“

Da trat Weigand am 23. November die Flucht in die Öffentlichkeit an: In Münster gingen rote Flugblätter – in einer Auflage von nahezu 15 000 – von Hand zu Hand. Die ganze Stadt verfolgte atemlos Weigands schriftliche Erklärung, warum Paul Blomert sterben mußte. Darin bemühte er sich, darzutun, daß die polizeilichen Ermittlungen fahrlässig geführt worden seien, beschuldigte alle jene Honorationen, die damals am Tatort versammelt waren, einen Mord zu verschleiern: Den angesehenen Geschäftsmann Gustav Krabbe bezeichnete er als „mehrjährigen unerwünschten Freund der Ehefrau Blomert und erbitterten Feind des Erschossenen“. Er habe – angeblich auf Weisung des erschienenen Arztes – dem Röchelnden die Tatwaffe aus den Händen genommen. Das Flugblatt endete mit den Worten: „öffentliche Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit, das Schicksal der drei Kinder (Blomerts) und der bitter enttäuschten Hinterbliebenen des Ehemannes Blomert erheischen dringend die Klärung des rätselvollen Todes. Bitte, helfen Sie mir dabei, denn ich bin nur eine ohnmächtige Privatperson ohne Geld und Verbindungen ... Die Beschuldigten und Verdächtigten fordere ich auf, mich anzuzeigen, damit ich endlich vor Gericht die Wahrheit sagen kann.“

Die Staatsanwaltschaft äußerte sich zu diesem Flugblatt nicht – statt dessen handelte sie mit großer Eile. Sieben Tage später wurde Paul Blomerts Leiche exhumiert und im Gerichtsmedizischen Institut obduziert. Bei der Exhumierung sah ein Bruder des Toten die Leiche nur kurz, Günter Weigand wurde der Zutritt kurzerhand verweigert. Das Ergebnis der Obduktion wurde damals nicht bekanntgegeben. Im Gutachten, das dem leitenden Oberstaatsanwalt Dr. Sommer in Münster heute bereits völlig vorliegt, hieß es über den Schädelschuß: „Seine Richtung und die Lage des Ein- und Ausschusses sind nicht so, wie sie gewöhnlich bei Selbsttötung gefunden werden. Auch bei gezielter Tötung durch fremde Hand wird gewöhnlich kein solcher Befund erhoben, eher schon bei Unfällen durch eigene Hand ...“ – „Vieles spricht für einen Selbstmord“, sagt Oberstaatsanwalt Sommer vorsichtig, „wenn die drei Abschiedsbriefe echt sind ...“ Nach dem Gutachten müsse er jedoch sagen, „daß ein Tod durch unvorsichtigen Umgang mit der Waffe nicht auszuschließen ist, trotz der Abschiedsbriefe.“

An diesen Briefen hat sich inzwischen ein Gutachterstreit entzündet: Die Brüder Blomert hatten den „Brief an den Vater“ untersuchen lassen. Das Gutachten, von dem die Staatsanwaltschaft behauptet, sie kenne es bis heute nicht, kam zu dem Schluß, das Schreiben sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gefälscht, die Fälschung könne von der Ehefrau stammen. Die Staatsanwaltschaft ihrerseits ließ durch zwei Gutachter nachweisen, der Brief Blomerts an seine Ehefrau sei echt. Der dritte Brief existiert nicht mehr. Der Empfänger, Oberbürgermeister und Rechtsanwalt Peus, hatte ihn zerrissen.

Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen wieder ein. Der Fall blieb verworren. Dieser Meinung war auch der Amtsgerichtsrat Eberhard Gall. Er hatte als Untersuchungsrichter an der Obduktion teilgenommen. Nun ließ er sich die Akten kommen – zum größten Erstaunen der Staatsanwaltschaft. Er verhörte das Ehepaar Krabbe, den Blomert-Klienten Freiberger und die Ehefrau Ulla Blomert. Am 21. und 22. Januar 1963 verhaftete er alle vier: Die Krabbes wegen Teilnahme am Mord, Frau Blomert und den Kaufmann Freiberger wegen widersprüchlicher Aussagen. Dann gab er die Akten der Staatsanwaltschaft zurück. Dort war man starr. Eilends wurde der Generalstaatsanwalt informiert und sogar das Justizministerium in Düsseldorf. Zwei Tage später hob die 4. Strafkammer beim Landgericht alle vier Haftbefehle wieder auf. Die Kosten wurden der Staatskasse auferlegt.

Weigand fragte die Münsteraner im Mai 1963 auf seinem dritten roten Flugblatt: „Wenn die Staatsanwaltschaft vom Selbstmord überzeugt war und ist, warum versuchte sie mit aller Macht, den Gerichtsmedizinern und dem Richter Gall die Aufklärungsarbeit unmöglich zu machen? Warum betrieb man trotz der garantierten richterlichen Unabhängigkeit Herrn Galls Suspendierung vom Dienst?“ Von alledem weiß man in Münster freilich nichts.

Dagegen beantragte der Staatsanwalt kurz nach Erscheinen des ersten Flugblattes Weigands einstweilige Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt. Der Antrag wurde begründet – nicht mit dem strafbaren Inhalt des Flugblattes sondern mit einer Beleidigungsklage gegen Weigand, die nichts mit dem Fall Blomert zu tun hatte, wie die Staatsanwaltschaft gern bestätigt.

Ein rabiater Idealist

Der 39jährige Günter Weigand will für seine Taten gern ins Gefängnis gehen, aber vor der Irrenanstalt hat er Angst. Das berichtet der junge Rechtswissenschaftler und Assistent an der Universität Münster, Peter-Hubert Naentrup, der Weigands Pflichtverteidiger unterstützt. Denn zumindest zu Universitätskreisen hat Weigand recht gute Verbindungen. Er promovierte 1959 in Münster über das Thema: „Die Berechtigung sittlicher Werturteile in den Sozialwissenschaften.“ Die Arbeit erschien später – zum Teil durch öffentliche Mittel finanziert – in einem Berliner Verlag. Sie ist unter anderen gewidmet: „Allen Mitmenschen, deren Lebensglück unterlassene und mißbrauchte Werturteile verkürzen.“ Seit seiner Promotion ist Weigand arbeitslos.

Naentrup schildert seinen Mandanten – der zur Zeit flüchtig ist – als hochintelligenten, rabiaten Idealisten, der ohne Funktionsmoral und Taktik unablässig auf der Suche nach dunklen Punkten im Gefüge des Rechtsstaats ist. Die verfilzten Münsteraner Verhältnisse waren das ideale Tätigkeitsgebiet für ihn. Dabei ist er von großer Beredsamkeit: „Er wäre der ideale Einpeitscher, der erfolgreich mit einem Parteiprogramm über Land reisen könnte“, meinte Naentrup.

Etwas hilflos sahen die Verteidiger Weigands Flugblattaktionen zu. Sie konnten sie ihm nicht ausreden. „Da stecken, unweigerlich strafbare Handlungen drin. Weigand sieht sogar ein, daß er sich vor dem Forum der Rechtsordnung schuldig gemacht hat, aber vor seinem Gewissen sieht er sich gerechtfertigt durch seine möglicherweise übersteigerten ethischen Maximen.“

Als übersteigert empfinden es Münsteraner Bürger auf jeden Fall, wenn sich Weigand als „von Gott gesandt“ bezeichnet, Jeanne d’Arc als sein Vorbild benennt und außerdem angibt, er habe sich für seinen Fall auf eine achtjährige Dreyfuß-Spanne eingestellt.

Viermal beantragte die Staatsanwaltschaft die einstweilige Unterbringung für Weigand, viermal lehnte die Beschwerdekammer ab. Zuerst gründete sich der Antrag auf Paragraph 126 a der Strafprozeßordnung: Danach muß die öffentliche Sicherheit die vorläufige Unterbringung rechtfertigen. Nicht wenige Münsteraner fragen sich jedoch, warum Weigand nicht spätestens nach dem zweiten oder dritten Flugblatt vor Gericht gestellt wurde.

Tatsächlich verteilte er bis zum Oktober des Jahres sieben Stück davon. Die letzten wanderten bis ins Ruhrgebiet. Den größten Erfolg erreichte er bisher mit dem sechsten Flugblatt, das „Herterich-Format“ besitzt. Weigand hatte in den Akten von Ostberlin geblättert und behauptete am 2. Oktober: „Von den 1384 NS-Terror-Juristen gibt es in Münster acht, die heute wie ehedem nur ‚ihre Pflicht erfüllen‘, in dem sie das Recht mit Füßen treten.“ Der schlimmste von ihnen, ein Staatsanwalt, habe sieben Terror-Todesurteile zu verantworten, beantragt gegen unschuldige Juden und Polen. Und Weigand fuhr fort: „Glauben Sie bitte nicht, unsere katholische Bischofsstadt sei sauberer und integrer als etwa Würzburg. Gerade im Schatten der Dome und Kirchen siedeln sich Verbrecher nach Scheinkonversionen mit Vorliebe an ...“

Nach jedem Flugblatt wurde Weigands Wohnung durchsucht. Siebenmal suchten die Ermittlungsbehörden vergeblich nach der Druckerpresse, auf der die Blätter vervielfältigt wurden. Dennoch soll sie in Münster stehen. Nach dem fünften Flugblatt schickte der Kaufmann Krabbe, der durch den Fall eine nicht unbeträchtliche Geschäftsschädigung hinnehmen muß, eine Telegramm an den Justizminister: „Offensichtliches Versagen der Justiz hat fünftes Flugblatt trotz Voranzeige vom 19. Juli ermöglicht. Erwarte sofortige Maßnahmen und Presseveröffentlichung.“ Doch es geschah nichts. Weitere zwei Flugblätter kamen hinterher. Als Absender zeichnete die „Notgemeinschaft zur Aufklärung des Mordes an Paul Blomert“

Keiner weiß, wer diese Gemeinschaft – außer Weigand – noch angehört. Brüder und Vater Blomert haben sich lange von dem „zu aggressiven“ Weigand getrennt. Dennoch muß Weigand Geldgeber haben, die seine Kampagne finanzieren. Schon wird die Vermutung laut, sie befänden sich unter den Gegnern des CDU-Oberbürgermeisters Peus.

Vor der drohenden Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt flüchtete Weigand nach Köln und begab sich freiwillig zu dem bekannten Psychiater und Neurologen, Professor de Boor. Der Wissenschaftler untersuchte Weigand von Mai bis Oktober in 24 Explorationen à zwei Stunden. In einem vorläufigen Gutachten schrieb de Boor der Verteidigung: „Eine psychische Erkrankung liegt nicht vor, Dr. Weigand ist voll verantwortlich.“ Die Meinung teilen Professor Scheidt Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Köln und der Emeritus, Professor Kehrer sen. in Münster. De Boor verhehlt in seinem Schreiben nicht, daß Weigand „ein sehr schwieriger Mann mit unliebsamen Eigenschaften“ ist. Vergebens regte die Verteidigung an, diesen Gutachter zu hören. Am 28. Oktober wurde der fünfte Unterbringungsbefehl, diesmal nach Paragraph 81 a der StPO rechtskräftig. Am gleichen Tage wurde ein Haftbefehl erlassen.

Der Rechtswissenschaftler Naentrup faßt dieses Verfahren als eine praktische Übung in Rechtssoziologie auf. Nicht ohne ein gewisses Behagen verfolgt er den Verlauf der Handlung und untersucht kühl, wie lange der Justizapparat funktioniert, wenn ein Outcast ihn strapaziert. Daß der Apparat jetzt eingerastet ist – davon ist er überzeugt. Im Haftbefehl heißt es, Weigand sei der „ihm zur Last gelegten Taten dringend verdächtig“. Im letzten Beschluß gegen die Beschwerde auf einstweilige Unterbringung in einer Pflegeanstalt bis höchstens sechs Wochen steht: „Die Vielzahl dieser Straftaten legt bei dem Werdegang des Angeklagten die Vermutung nahe, daß er sie vielleicht im Zustande der Unzurechnungsfähigkeit oder der erheblich verminderten Zurechnungsfähigkeit begangen hat ...

Für diese Untersuchung ist nach dem eingeholten Gutachten (von der Justiz) auch eine Anstaltsunterbringung erforderlich ... obwohl der Angeschuldigte vorläufige Privatgutachten beigebracht hat, nach denen er voll zurechnungsfähig sein soll.“

Naentrup doziert: „Der Paragraph 81 a schließt den Haftbefehl nicht aus. Aber zum „dringenden Tatverdacht“ gehört der dringende Verdacht der Schuldfähigkeit. Schuldfähigkeit ohne Zurechnungsfähigkeit ist undenkbar. Man bejaht hier nun im Haftbefehlverfahren den dringenden Verdacht einer Zurechnungsfähigkeit und bejaht gleichzeitig den hinreichenden Verdacht der Unzurechnungsfähigkeit im Unterbringungsverfahren.“

Der Leitende Oberstaatsanwalt in Münster, Dr. Sommer sieht in den verdoppelten Bemühungen der Justiz, den Fall Weigand in die Hände zu bekommen, nichts Formwidriges. „Man muß Weigands Unzurechnungsfähigkeit aus seinem Verhalten folgern“, meint er. Im Justizgebäude gibt es kaum noch einen Richter oder Staatsanwalt, der noch nichts mit Weigand zu tun gehabt hätte. Seine Flugblätter zogen einen Schwanz von Zivilklagen hinter sich her, von denen so ziemlich alle Zivilkammern von A bis Z betroffen wurden. Dazu sind nominell über dreißig Strafverfahren anhängig. Sechzehn Anklagen wurden schon erhoben, wegen Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung, Hausfriedensbruch, Beamtennötigung usw. Zwei Richter erklärten sich im Laufe der Zeit für befangen.

„Man muß diesen Mann nach seinen Handlungen beurteilen“, sagt Ankläger Sommer. Aus diesem Grunde meint der Staatsanwalt auch, das Gutachten von Professor de Boor könne nicht ausreichend sein, da er nur den Mann gesehen habe, nicht aber die Aktenberge – voll von strafbaren Handlungen – bei der Staatsanwaltschaft in Münster. Das Phänomen Weigand wird als eine Zumutung empfunden, die nicht der Norm entspricht – so scheint es dem Beobachter.

Wissenschaftler Naentrup philosophiert derweilen genüßlich über das Problem, inwieweit in Münster im Falle Weigand die Unabhängigkeit der Richter in Gefahr ist, die der Unabhängigkeit dessen gleichen soll, „der nichts will, sondern der darauf wartet, daß es in ihm erkenne“.

Inzwischen ließ sich der Justizminister von Nordrhein-Westfalen über den Fall berichten. Im Justizausschuß in Düsseldorf wurden die roten Flugblätter erörtert. Der Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht in Hamm durchbrach die Zurückhaltung der Justiz und übergab der Presse jetzt eine fünfseitige Stellungnahme zum Falle Rechtsanwalt Blomert/Dr. Weigand, die nur „unverkürzt und unverändert“ abgedruckt werden darf.

Kein Strafverfahren gegen Weigand wurde bis heute eröffnet. Haftbefehl und Einweisungsbeschluß sind rechtskräftig. Seitdem ist Weigand flüchtig, Brüder und Vater des toten Paul Blomert sind weiter der Überzeugung, der Anwalt sei ermordet worden.

Wenn dies das Ende des Dramas sein sollte, das sich die Münsteraner gaben, dann bleibt es unbefriedigend. Denn das Unbehagen, das Weigand in Münster einschleppte, ist nicht aus der Welt geschafft. In weiten Kreisen der Bevölkerung bleibt das Gefühl zurück, daß man mit der Unzurechnungsfähigkeit Weigands jene Fehler vertuschen will, die bei der Ermittlung im Falle Blomert möglicherweise passiert sind. Der Justizapparat mag formal richtig funktioniert haben, ob er Outcasts der Gesellschaft von Weigands Format gerecht werden kann, bleibt noch fraglich. Aber auch darüber besteht kein Zweifel: In jedem Amtsgerichtsbezirk zwanzig Individuen nach Weigands Art – das würde den Stillstand der Rechtspflege bedeuten.