Ein paar Märchenbücher jüngeren Datums, vom Zufall auf meinen Tisch getragen, ergeben bei näherer Durchsicht eine Art Querschnitt durch die verschiedenen Möglichkeiten, die sich im Bereich der Märchenliteratur (für Kinder) heute abzeichnen.

Typ I: Das bewährte Überlieferungsgut in moderner Aufmachung, wie es sich etwa in den von Walter Bauer neu erzählten „Märchen aus Tausendundeine Nacht“ darbietet (Union Verlag, Stuttgart; 216 S., 32 Farbtafeln, 17,80 DM). Der Text, eine Auswahl von insgesamt sechs umfangreicheren Geschichten aus der berühmten orientalischen Märchensammlung, hält sich in Tonfall und Sache eng an das Original, ohne ihm doch wörtlich und in aller Weitschweifigkeit zu folgen. Die Farbtafeln von Kurt Wendlandt sind zum Großteil hervorragend gelungene Interpretationen des Erzählten, zuweilen von glühender Buntheit, zuweilen auch von beklemmendem Halbdunkel. Man glaubt es dem Künstler gern, wenn er versichert, er habe, bevor er die Bilder dieses Buches schuf, Teile des Morgenlandes bereist, „um der muselmanischen Atmosphäre der Dichtung voll gerecht zu werden“.

Typ II: Die alten Texte, versehen mit klassischen Illustrationen; in diesem Falle nicht eigentlich durch ein Märchenbuch vertreten, sondern durch G. A. Bürgers „Münchhausen“ in der Ausgabe des Arena-Verlages in Würzburg (95 S., 5,80 DM) mit einer Auswahl aus den großartigen Holzschnitten von Gustave Doré, denen man nur zu gern einmal in einem Kinderbuch wiederbegegnet. Der Band ist in einer bei Arena neu eröffneten Reihe „Meistererzählungen“ zugleich mit R. v. Volkmann-Leanders „Träumereien an französischen Kaminen“ erschienen (95 S., 5,80 DM), an denen die ebenso modernen wie in ihrer kunstvollen Einfalt überzeugend märchengerechten Zeichnungen von Adolf Oehlen bestechen.

Typ III: Die Herausgabe wenig bekannter Märchen aus fremden Ländern, hier mustergültig veranstaltet von Karl Rauch in seinem bei Herder in Freiburg erschienenen Buch „Der Zaubervogel“ (128 S., 7,80 DM), einer Sammlung französischer Volksmärchen, die der Herausgeber selbst zusammengetragen und mit großer Einfühlungsgabe deutsch nacherzählt hat. Die Texte erfreuen durch ihren Charme und ihre Ursprünglichkeit, haben in Wolfgang Felten den ihnen gemäßen Illustrator gefunden und verlocken nachgerade dazu, selbständig nach- und weitererzählt zu werden.

Typ IV: Das Kunstmärchen unserer Tage, auf meinem Schreibtisch vertreten durch die Neuauflage des erstmals schon in den frühen dreißiger Jahren erschienenen Buches „Hinter den sieben Bergen“ von WilhelmMatthießen(HermannSchaffstein Verlag, Köln; 136 S., 7,50 DM) mit den leicht skurrilen Illustrationen von Professor Fritz Loehr. Eingespannt in den Rahmen einer selbst ganz im Märchenhaften verwurzelten Handlung, steht hier ein gutes Dutzend bunt ausfabulierter Geschichten von Hexen und Kobolden, von Räubern und Feuermännern und anderem zwielichtigen Volk. Eine ganze Märchenwelt baut sich auf, mit ihrer eigenen Logik und ihren eigenen Dimensionen. Mag sein, daß sich der und jener an Matthießens Hang zu barockem Überschwang stoßen wird, vielleicht auch an seiner Freude an rheinischen Namensulk: Daß er ein zeitgenössischer Märchenerzähler für Kinder ist, der sich auf sein Handwerk und sein Publikum gleichermaßen versteht, darf man ihm wohl nicht absprechen. – Weniger befreunden kann ich mich hingegen mit den Kunstmärchen von Walter Kahn („Der rote Märchenkahn“ und „Der grüne Märdienkahn“, beide im Verlag Die Rose, München; je 128 S., 7,80 DM), der zwar kunstvoll die alten Formen und Formeln handhabt, seinen Geschichten indessen häufig zuviel an Moral und Tiefsinn aufbürdet.

Typ V schließlich: Die Zusammenstellung von Volks- und Kunstmärchen der verschiedenartigsten Herkunft, wie sie Heiner Schmidt in seinem bei Benziger in Köln erschienenen Lese- und Vorlesebuch „Märchen von überall her“ (128 S., 7,80 DM) mit dem erklärten Ziel praktiziert, die Kinder auf den Geschmack zu bringen und zum Weiterschmökern in den von ihm als Quellen herangezogenen Werken zu ermuntern. Ein gewiß sehr verdienstvolles Unternehmen, von Schmidt umsichtig und mit aller gebotenen Sorgfalt betrieben; aber doch wohl kein Beispiel, das zur beliebigen Nachahmung empfohlen sei, sondern besser auf diesen Einzelfall mit seiner klaren literarpädagogischen Zielsetzung beschränkt bleiben sollte. Otfried Preußler