Von Walter Abendroth

Innerhalb zweier Wochen konnte die bayerische Landeshauptstadt sich der Auferstehung zweier ihrer berühmtesten Sehenswürdigkeiten erfreuen. Am 11. November wurde mit einer prunklosen Feierstunde die restlos wiederhergestellte und neu geordnete „Alte Pinakothek“, eine der großartigsten Gemäldesammlungen der Welt, der Öffentlichkeit in allen Räumen zugänglich gemacht; und am 21. das Nationaltheater mit Festakt, Empfang und pomphaftem „Ehrenabend“ eingeweiht. Beide Gebäude sind ihrer traditionellen Bedeutung würdig, das Theater noch schöner als zuvor, aus der Vernichtung hervorgegangen. Und es trifft den Kern der Sache – nämlich der Entscheidung für die „Rekonstruktion“, die seinerzeit das lange und hitzige Gezänk um die Frage „Wiederaufbau oder radikaler Neubau?“ beendete – wenn Ministerpräsident Goppel in seiner Eröffnungsansprache sagte: Diese Lösung könne freilich nur für München gelten, und eben darum sei sie die einzig richtige gewesen.

Der Referent müßte die Federn von Balzac, Heine, Zola und – Hedwig Courths-Mahler in seiner Schreibmaschine vereinigen können, um eine wirklichkeitstreue Schilderung des Ereignisses zu geben, das, durch Monate herangefiebert, nun endlich Tatsache geworden war. In den überaus prächtigen, wahrhaft aristokratischen Räumlichkeiten, dem strahlenden Zuschauerraum, den noblen Foyers, den Rängen und Gängen des neuen Nationaltheaters ein glitzerndes, gleißendes, funkelndes und duftendes Gedränge; ein blendendes Tableau der ersten, der besten, der bestgekleideten, bestfrisierten und bestdekorierten Gesellschaft; ein Treffen der kulturbeflissenen Prominenz aller Kategorien; farbenprangende Illustration des Faktums, daß hier ein veritables „Hoftheater“ wiedererstanden ist, ein wunderbar unzeitgemäßes Schau- und Schmuckstück für die „königliche“ Repräsentation geschichtlich beglaubigter und durch keinerlei Rückschläge geminderter Kunstliebe. Eine steinerne Demonstration der unalltäglichen Festlichkeit, die jedes Kunsterlebnis haben sollte.

Obwohl nun freilich das illustre Publikum der geladenen Gäste des Ehrenabends, begreiflicherweise und wie bei derartigen Anlässen üblich, vollauf mit sich selbst beschäftigt war, hätte man ihm doch ein weniger strapaziöses Premierenwerk gegönnt. Aber schließlich hatte es ja auch seine Richtigkeit, daß dieser Abend den Sinn und Zweck des Hauses, seinen Geist und seine Bestimmung so anspruchs- und eindrucksvoll wie möglich demonstrieren sollte.

Man darf sagen: Das ist in einer Art gelungen, die schließlich vergessen ließ, wie vordringlich und aufdringlich letzthin der Tumult um den äußeren Rahmen bisweilen erschienen war. „Die Frau ohne Schatten“, von ihrem Komponisten Richard Strauss für sein bedeutendstes Werk gehalten, war insofern hervorragend geeignet, die Möglichkeiten des neuen Hauses zu erproben, als es noch kaum jemals gelungen sein dürfte, das ganze verzwickte Zauberwesen der schönen Literaturdichtung Hugo von Hofmannsthals bühnenwirklich, und das heißt: sinnlich begreiflich, optisch verständlich zu machen.

Krankt die Glaubwürdigkeit des Ganzen schon a priori daran, daß Schattenlosigkeit mit dem besten Willen nicht zu realisieren ist, so ermangeln aber auch sonst die meisten Vorgänge des Werkes der Fähigkeit, durch einfache Anschaulichkeit aufgefaßt zu werden; zumal obendrein vom gesungenen Textwort hier noch weniger Auskünfte zu erwarten sind als in der Oper gemeinhin.

Nun – die Regieführung des Staatsintendanten und gewiegten Strauss-Kenners Rudolf Hartmann tat das Menschenmögliche, der vielschichtigen Märchenhandlung Plastizität zu verleihen. Daß von der szenischen Seite her starke und eigenwertige Bildeindrücke das Stimmunghafte zu ungewöhnlich intensiver Wirkung kommen ließen, das hatte man nicht zuletzt den Entwürfen von Helmut Jürgens zu verdanken, deren außergewöhnliche Schönheit und maßvolle Stilisierung von neuem den Verlust schmerzlich empfinden ließen, den die Bayerische Staatsoper durch den unerwarteten Tod des Künstlers im vergangenen Sommer erlitten hat. Um indessen nun auch die Errungenschaften der neuen Bühnenapparaturen zu würdigen, ist festzustellen, daß die größte Beleuchtungsstellanlage der Welt, über welche heute das Münchner Nationaltheater verfügt, sich aufs überzeugendste bewährte: Was der kritische Intellekt der Handlung nicht leicht abnehmen mag, was Wortsinn und dramaturgische Logik dem Zuschauer nicht verraten wollen, das machte die künstlerische Auswertung eines technischen Wunderwerks zum Erlebnis, mittels dessen der Beleuchtungsmeister von seinem Pult aus 272 Scheinwerfer oder Scheinwerfergruppen, 144 Horizontleuchten und 20 Xenonlampen über 320 Stromkreise stufen- und geräuschlos regeln kann. Reibungs- und geräuschlos vollzog sich dank der modernsten Hinterbühnenanlagen auch jeder Szenenwechsel mit verblüffender Promptheit.