Frage ohne Antwort: Wann darf sterilisiert werden? – Das Urteil gegen Axel Dohrn

Von Rudolf Jüdes

Der 55 Jahre alte Dr. med. Axel Dohrn ist verurteilt worden. Damit sind für ihn, den ehemaligen Chefarzt des ländlichen Kreiskrankenhauses Großburgwedel (5000 Einwohner, Landkreis Burgdorf) nicht nur viereinhalb Jahre staatsanwaltschaftlicher Vernehmungen, sondern auch härteste Auseinandersetzungen anderer Art zu Ende gegangen. Sie haben ihn und seine Familie an den Rand des wirtschaftlichen Ruins und des beruflichen Zusammenbruchs gebracht. Ist dieser Mann ein Verbrecher?

Nicht einmal der Vorsitzende der Zweiten Hannoverschen Strafkammer dachte, als er das Urteil – sechs Monate Gefängnis – bekanntgab, im entferntesten daran, das anzunehmen; er betonte statt dessen in der Begründung mit einer für das Gericht fast peinlichen Eindringlichkeit, wie sehr er und seine Richterkollegen den Verurteilten für einen Ehrenmann, Idealisten, guten Arzt und anständigen Menschen hielten. Und diese Versicherungen ließen das Urteil noch weniger verständlich erscheinen.

Dr. Axel Dohrn hat seinen ärztlichen Beruf von Anfang an nicht ohne Schwierigkeiten ausüben können. 1935, als er sein Staatsexamen und das anschließende Medizinalpraktikantenjahr abgeschlossen hatte, verweigerte man ihm die Approbation, weil er als Sohn einer „Halbjüdin“ ein „Mischling 2. Grades“ und also nicht „reinrassig“ war. Drei Jahre lang mußte er teils berufsfremd als Koch oder Kraftfahrer, teils in Kliniken von Freunden seines Vaters, des hannoverschen Kreisarztes, illegal als Assistenzarzt arbeiten.

Sie alle hatten Kinder

Als er es im Jahre 1944 als Oberarzt bei der Wehrmacht ablehnte, für die Beförderung zum Stabsarzt beim Führer ein Gnadengesuch einzureichen, um als „Arier“ anerkannt zu werden, wurde er vor ein Ehrengericht gestellt und aus der Wehrmacht entlassen. Diese Daten aus dem Lebenslauf eines Verfolgten sind insofern wichtig, als sie plausibel machen, daß dieser Arzt beim besten Willen nach 1945 und bis heute nicht mehr an die Gültigkeit des Erbgesundheitsgesetzes glauben konnte. Wegen des Verdachtes aber, gegen dieses Erbgesundheitsgesetz verstoßen zu haben, saß er in Hannover auf der Anklagebank.