Langers Appell, verbunden mit der Offerte des Unterabteilungsleiters, erwies sich für Gocht als zug- und zukunftsträchtig. Er blieb und kletterte weiter auf die vorletzte Station des erfolgreichen Karrierebeamten, auf den Direktorensessel. Gocht ist ein Mann, den die Probleme beschäftigen, nicht so obenhin und stundenweise, sondern ernsthaft und ausgiebig. Er liebt die "kleinen Spaziergänge" von Bonn nach Freiburg (Breisgau), die quer durch die anliegenden Mittelgebirge führen und so ausgiebig Zeit zum Nachdenken und Durchdenken von Sachfragen bieten. Meist enden solche Ferientouren freilich schon irgendwo am Mittelrhein im Dauerregen spezifisch deutscher Provenienz.

Wolfram Langers Karriere ist dem Publikun schon etwas vertrauter. Man weiß, er bearbeitete als "ghostwriter" Erhards Buch "Wohlstand für alle", wurde 1958 aus einem ganz anderen Metier, nämlich dem Journalismus, von Erhard in die hohe Verwaltungsfunktion berufen und hat somit die Mühsal der Ochsentour des Laufbahnbeamten nie kennengelernt. Dem Journalisten Langer, der elf Jahre lang das "Handelsblatt" in Frankfurt und Bonn vertrat, bescheinigen seine Freunde eine schnelle Auffassungsgabe, ein: ebenso schnelle Reaktionsfähigkeit und jenen "immensen Fleiß", der zum Klassenprimus – das war der junge Langer – nun einmal gehört Seine Mitarbeiter sind über ihn geteilter Meinung. Die einen loben seine Umgänglichkeit und die Fähigkeit, die richtigen Leute mit der richtigen Aufgabe zu betrauen. Andere haben mehr den Primus von einst im Auge, vor allem wohl dessen Ehrgeiz.

Einer, der es ablehnte, neben Langer zu amtieren, war der seitherige Europa-Staatssekretär Müller-Armack, der übrigens zugleich Langers Vorgänger auf dem Abteilungsleiterposten der Grundsatzabteilung gewesen war. Schmücker hätte den "Vater der sozialen Marktwirtschaft‘ – den Begriff hat er geprägt – gern zurückgeholt. Aber Müller-Armack, der sich im kleinen Kreis schon früher über seine Abseitsstellung neben Langer und Westrick beklagt hatte und deshalb unbedingt mit Erhard aus dem Amt scheiden wollte, zeigte plötzlich kein Interesse mehr. Unmittelbar vor der Wahl Erhards hatte er noch verkünden lassen, er halte sich für eine neue Aufgabe auch im Wirtschaftsministerium bereit.

Als aber das neue Bundeskabinett bereits auf seiner konstituierenden Sitzung beschloß, Langer zum Staatssekretär zu ernennen, war die Bereitschaft des Kölner Professors Müller-Armack zur Rückkehr schlagartig dahin. Das Äußerste, was er konzedierte, war die Tätigkeit, als "Sonderberater – (Schmückers) für die Kennedy-Runde", also für die voraussichtlich im Mai nächsten Jahres beginnenden Zollverhandlungen zwischen der EWG und den USA im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT). Schmücker verfügte, daß Müller-Armack ein Büro einzuräumen und ihm "alle Vorgänge von grundsätzlicher wirtschaftspolitischer Bedeutung" zuzuleiten seien. Intern ist klar, daß es sich hierbei um ein hoffnungsloses Beginnen handelt, an dem Müller-Armack bald genug die Freude verlieren wird. Die Bürokratie versteht in solchen Dingen wie dem Außenseitertum eines in die Hierarchie nicht eingegliederten "Sonderberaters" keinen Spaß. Wenn in der Berufung von Langer und Gocht eine gewisse Zwangsläufigkeit steckte, so hat Schmücker doch mit der Ernennung von Fritz Neef zum zweiten Staatssekretär im Wirtschaftsministerium ganz aus eigenem Ermessen gehandelt. Keiner hatte vorher gewagt, auf Neef zu tippen; denn es ist noch kein Jahr her, daß dieser talentierte Beamte auf den Direktorensessel der Abteilung III (Bergbau, Energie, Kohle und Stahl) gehoben worden ist. Schmücker selbst erschien es schwierig, einen solchen Kandidaten durchzudrücken. Aber es gelang, wobei sich herausstellte, daß Neef trotz seiner unbeirrbar auf Weltoffenheit bedachten Energiepolitik auch im Kreise seiner sachlichen Gegner eine Reihe von Befürwortern besaß. Neef hatte sich im Frühjahr dieses Jahres energisch gegen jede Entliberalisierung der Öleinfuhr und alle sonstigen Restriktionen gestemmt, die der Bergbau so dringend wünschte und Kanzler Adenauer damals schon halb und halb zugesagt hatte. Jetzt sprachen sich dem Bergbau und der Schwerindustrie so nahestehende Abgeordnete, wie Burgbacher und Dichgans (beide CDU) für ihn aus.

Neef dankt diese Unterstützung sicherlich vor allem der konzilianten Art, in der er das Gespräch auch mit Andersdenkenden führt. Wobei er als alter Ministerialbeamter durchaus weiß, was die Staatsautorität in solchen Fällen erheischt: daß man zu einem Ministerialdirektor hinzukommen hat und nicht umgekehrt, wie die Industriebosse manchmal meinen. Neef ist kein Dogmatiker, sondern das, was man in seiner sächsischen Heimat einen "patenten Kerl" nennen würde.

Übrigens gilt das in einem ganz anderen Sinne auch für den Privatmann Neef, der seinen Bungalow im Bergischen Land in vielen Freizeitschichten an den Wochenenden selbst hochgemauert hat. Er kaufte sich drei einschlägige Lehrbücher und fing im August vorigen Jahres mit der Ausschachtung an. Zu Wintersanfang stand der "handgemauerte" Rohbau fertig da. Heute schreinert der Staatssekretär mit derselben Begeisterung an der Ergänzung seines Mobilars. Als Beamter hat er wie Gocht die Ochsentour, wenn auch mit erheblicher Beschleunigung, hinter sich gebracht. Er begann schon 1946 im Zentralamt für Wirtschaft in Minden, war 1949 als einer der ersten mit in Bonn dabei und hat dann allmählich die Stufenleiter der Hierarchie erklommen.

Aus dem Erbe Müller-Armacks übernimmt Neef eine der sechs Abteilungen dieses Ministeriums, die sich funktionell etwas überhöht "Europa-Abteilung" nennt. In Wahrheit handelt es sich – jedenfalls bisher – um eine Art Kontaktbüro zu Brüssel, das Erhard einst (1958) in der richtigen Voraussicht geschaffen hatte, er werde doch nur höchst selten Lust verspüren, sich dort selbst an den Verhandlungstisch zu setzen. Um an seiner Stelle einen Mann mit Rang und Namen präsentieren zu können, wurde jenes zweite Staatssekretariat geschaffen und mit Müller-Armack besetzt. Der Professor war indessen des ewigen Gezänks um die nichtigsten Einzelheiten neuer Verordnungen oder Marktordnungen im Ministerrat der EWG bald überdrüssig; den Rest gab ihm das Veto de Gaulles gegen den Beitritt Englands zur EWG. Er reichte seinen Rücktritt ein, der ihm mit einiger Verspätung zum Regierungswechsel gewährt wurde.