Ein Bratklops frißt sich in die Rechtsprechung ein

Köln

Frikadellen sind in Köln nicht nur eine Institution,sondern auch eine Lebensfrage: In gewissen Augenblicken der Traurigkeit und Melancholie verspricht man sich etwas von einer Frikadelle mit Senf. Ein Korn, ein Kölsch, eine Frikadelle – diese Mahlzeit ist imstande, den Lebensnerv unmittelbar zu treffen.

Frikadellen werden aus der Faust gegessen, nicht mit der Gabel. Leute mit Zahnersatz brechen die Frikadelle und tunken sie in den Senf. Frikadellen sind ein Gericht für Männer. Wenn sich eine Dame entschließt, eine Frikadelle zu essen, muß sie einen beträchtlichen Grad der Verzweiflung erreicht haben. Denn die richtigen, die neonbestrahlt neben dem kalten Kotelette und dem Eisbein in den Thekenvitrinen liegen, schimmern leicht grünlich. Gute Hausfrauen werden eine Frikadelle deswegen auf jeden Fall verweigern: „Um Gottes willen, man weiß ja nicht, was drin ist...“

Mit Sicherheit ist in diesem Fleischgericht tatsächlich nur eine Zutat zu vermuten. Wenn keine Frikadellen da sind, wird sich der Wirt einer Kölschen Kneipe denn auch nicht scheuen zu sagen: „Das alte Brot ist uns ausgegangen.“ Daß das Brot für die Bratklopse wichtig ist, weiß jeder. In der Nachkriegszeit wurden für eine Frikadelle nicht nur Fleischmarken, sondern auch eine Brotmarke verlangt. Auch heute noch stellen die Kölner Wirte ihre Frikadellen nach der Faustregel her: ein Drittel Brot, zwei Drittel Fleisch. Der Wirt der Gaststätte Alt-Severin, Gottfried Henkel, definierte: „Eine Frikadelle ist ein Produkt, in das sämtliche Fleischabfälle hineinkommen und das dann noch eßbar sein muß.“

Ihn und seine Frikadellen ereilte inzwischen der Bannstrahl des Gerichtes, aber nicht etwa wegen seiner freimütigen Abfallanalyse. Die Richter störte etwas anderes: „Wir werden ihm die alten Brötchen aus seinen Frikadellen herausdividieren“, schwor ein Richter grimmig. Juristen und Nahrungsmittelchemiker beriefen sich bei ihrer Aktion auf die Verbrauchererwartung, die Fleisch und nicht Brot in den Frikadellen finden will. Sie nannten die in Köln gebräuchliche Frikadellenzubereitung ein Nahrungsmittelvergehen und braten nun gemeinsam an einer Einheitsfrikadelle, die ihrer Meinung nach nur zwanzig Prozent Brot enthalten darf, höchstens 25 Prozent.

Die Kölner Frikadellen wurden erstmals zum Problem durch ein Schreiben des Nahrungsmitteluntersuchungsamtes in Hamm im Jahre 1960. Damals hatte man dort fünf Kölner Buletten untersucht und war entsetzt. Die Behörde fragte beim Kölner „Institut für Lebensmittel-, Wasser- und Luftuntersuchungen“ an, warum sie noch nichts „gegen eine Verfälschung auf dem Sektor Frikadellen“ unternommen hätten. Das war der Beginn des Kölner Frikadellenkrieges.

Im Auftrage der Gesundheits- und Veterinäraufsicht schritten Kontrolleure durch die Kölner Gaststätten und Kneipen, ließen sich jeweils zwei Frikadellen geben und untersuchten sie. Der Gastwirt Henkel hatte seine Wirtschaft im Severinsviertel gerade vor drei Wochen eröffnet, da wurde er schon wegen der Frikadellen, die seine Frau brutzelte, angeklagt und mit 150 Mark Geldstrafe belegt: Man hatte 37 Prozent alte Brötchen in seinen zwei Frikadellen gefunden. Henkel nannte seine Frikadellen fortan „Brotklopse“. Seine Kunden störte das wenig. Sie bestellten sie wie eh und je.

Es stand in der Zeitung

Die Staatsanwaltschaft nahm das Frikadellendelikt so ernst wie einen Einbruchsdiebstahl: Sie klagte nicht vor dem Einzelrichter an, sondern eine Etage höher – beim Schöffengericht. Dort ist der Amtsgerichtsrat Bosch inzwischen zum Frikadellenspezialisten geworden. Er verurteilte bereits über 25 Kölner Gastwirte. Die Frikadellenhersteller ließen sich willenlos und ohne Rechtsbeistand bestrafen: Ein Mitglied der Wirteinnung hatte ihnen per Rundschreiben mitgeteilt, auf Grund eines neuen Lebensmittelgesetzes seien nur noch 20 Prozent Brot in den Frikadellen erlaubt. Das habe er in der Zeitung gelesen.

Nach diesem Frikadellengesetz suchte der Kölner Rechtsanwalt Dr. Georg Meinecke indessen vergeblich. Meinecke hatte sich schon verblüfft gefragt, auf Grund welcher Paragraphen Richter und Chemiker sich auf die 20 Prozent geeinigt hätten. Nun stellte er fest, daß die Nachricht in der Zeitung durch einen Irrtum entstanden war. Sein Interesse wurde vollends wach, als er eines Tages angerufen wurde: Gottfried Henkel, der Wirt aus der Altstadt, sitze wegen seiner Frikadellen im Klingelpütz, dem Kölner Gefängnis.

Am 22. März des vergangenen Jahres hatten sich die Kontrolleure wiederum zwei Frikadellen von Henkel geholt. Diesmal waren 30,6 Prozent Brot darin. Der Staatsanwalt erhob Anklage. Zur Hauptverhandlung erschien Henkel nicht. Daraufhin erließ Richter Bosch einen Vorführrungsbefehl. Auch der blieb ohne Erfolg: Die Polizisten waren beim Morgengrauen ins falsche Haus gestürmt und hatten den Angeschuldigten nicht vorgefunden. Jetzt stellte der Richter einen Haftbefehl aus. Begründung: Fluchtverdacht. Henkel indessen hatte andere Sorgen, als wegen seiner Brotklopse zu flüchten. Seine Frau lag im Krankenhaus. Seine fünf kleinen Kinder rannten in der Kneipe um die Theke. Das war auch der Grund, warum er der Hauptverhandlung ferngeblieben war. Nun stellte er sich freiwillig und brachte 1200 Mark Kaution mit. Aber Richter Bosch blieb hart. Henkel wanderte in den Klingelpütz. Erst am nächsten Tag gelang es Rechtsanwalt Meinecke, den Haftbefehl wieder aufzuheben.

Am 18. Januar 1963 verurteilte das Schöffengericht den Gastwirt „im Namen des Volkes“ wegen eines vorsätzlichen Lebensmittelvergehens zu einer Geldstrafe von 400 Mark, ersatzweise zwanzig Tage Gefängnis, und zu den Kosten des Verfahrens. In der Urteilsbegründung hieß es: „Frikadellen oder frikadellenartige Speisen werden zwar auch als Bratklopse bezeichnet, jedoch nicht als Brotklopse ... Nach dem eindeutigen und glaubhaften Gutachten der Sachverständigen ... beträgt der Zusatz von Brötchen nach Handelsbrauch und nach Verbrauchererwartung 20 bis höchstfalls 25 Prozent. Dieser Zusatz ist ausreichend, um die notwendige Bindung des Fleisches herbeizuführen und eine schmackhafte Ware zu bereiten.“

Die Sachverständige hatte ihr Gutachten auf die Untersuchung von 61 Frikadellen gegründet, bei denen sie einen durchschnittlichen Brotgehalt von 21 Prozent errechnet hatte. Außerdem berief sie sich auf das Fachbuch „Fabrikation feiner Fleisch- und Wurstwaren“. Das Frikadellenrezept auf Seite 375 sieht vor: „Zwei Pfund Fleisch, halb Rindfleisch, halb Schweinefleisch, werden mit vier altbackenen Semmeln vermischt...“

Damit gab sich Rechtsanwalt Meinecke nicht zufrieden. Seiner Meinung nach können nicht allein die Chemiker und Richter über eine Frikadelle befinden, sondern vor allem Köche und Gastronomen. Er legte Berufung gegen das Urteil von Richter Bosch ein. Das gleiche machte aber auch der Staatsanwalt. In seiner Berufungsbegründung heißt es: „Die erkannte Geldstrafe wird ... dem Unrechtsgehalt der Tat nicht gerecht. Es hätte nicht zuletzt auch aus Abschreckungsgründen auf eine Freiheitsstrafe erkannt werden müssen.“

Inzwischen raufen sich die Kölner Gastronomen die Haare. Sie berufen sich nicht zuletzt auf einen Beschluß des „Kochkunstausschusses der gastronomischen Akademie Deutschlands e. V.“ über die Frikadelle vom 15. Dezember 1960. Damals legten die Küchenfachleute einstimmig fest, bei der Zubereitung von Frikadellen aus rohem Fleisch sei ein Verhältnis von einem Drittel Brot zu zwei Drittel Fleisch vertretbar.

Abendländische Speise

Rechtsanwalt Meinecke hat seine Fachbibliothek inzwischen durch das Buch „Die moderne französische Kochkunst“ bereichert, daß er als die „Bibel der Küche“ bezeichnet. Dort lautet das Frikadellenrezept: 600 Gramm gekochtes Rindfleisch, 300 Gramm gekochte und passierte Kartoffeln ... Er meint: „Wenn die Chemiker das als Lebensmittel Verfälschung bezeichnen, dann müßte dieses Buch bei uns von Rechts wegen eingestampft werden. Eine Frikadelle ist ja offensichtlich weder ein Kölner Gericht noch ein speziell deutsches Gericht, sondern eine im abendländischen Kulturkreis international bekannte Speise mit einem französischen Namen ...“

Am 10. Dezember findet der Berufungstermin in Sachen Frikadellen vor der Zweiten Großen Strafkammer statt. Der Rechtsanwalt will versuchen, mit einem Kochbuch in jeder Hand, die Richter und Chemiker von der Frikadellenpfanne zu verscheuchen und die Ehre der Gastronomen wiederherzustellen. „Sonst werden denen nächstens noch von den Chemikern die Speckwürfel in der Erbsensuppe gezählt“, meint er.

Gastwirt Henkel erhielt in der Zwischenzeit Schützenhilfe von seinen Kollegen. Einer von ihnen, ein Gastwirt in Ruhe, machte den Vorschlag, zum Karneval einen Frikadellenwagen zu bauen, mit dem Spruch: „Wir Köche, wir Kölner, wir laachen uns kapott.“ Nina Grunenberg