In den Diskussionen zur Zeitgeschichte und in den Rezensionsspalten politischer Literatur war bislang nur wenig von dem Buch

Hildegard Brenner: "Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus"; rowohlts deutsche enzyklopädie, 167/68, Rowohlt Verlag, Reinbek; 287 S., 4,80 DM

die Rede, dem doch bei genauerem Zusehen einer der vorderen Plätze in der Rangliste der neuerschienenen Literatur über den Nationalsozialismus zugesprochen werden muß. Liegt solche Nachlässigkeit nun etwa daran, daß sie in einer Taschenbuchreihe erschien, daß sie ein "abseitiges" Thema der Geschichtsschreibung behandelt oder daß hier Dinge zur Sprache kommen, Namen genannt werden, die dem einen und anderen mißfallen? Dies oder auch das mag dazu beigetragen haben, daß zu dieser Arbeit vorläufig nicht viele Urteile, zustimmende oder ablehnende, bekannt wurden.

Es mag aber auch ganz einfach diese Überlegung gewesen sein: Kunstpolitik unter Hitler – das kennt man doch schon zur Genüge: Bücherverbrennung, Entartete Kunst, Emigration, Blut und Boden, Mitläufertum, Akte in Öl und Marmor! Nichts Neues also, das steht doch schon bei dem und bei dem ...

Weit gefehlt. Hinter dem gewiß anspruchslosen und auch irreführenden Titel "Kunstpolitik" – denn hier ist nicht nur von der bildenden Kunst die Rede, sondern auch in gedrängten Übersichten von den Aktionen auf dem Buchmarkt und auf den Theaterbühnen – versteckt sich eine höchst genaue, erregende Beschreibung des kulturpolitischen Durcheinanders in den ersten Jahren der Hitler-Herrschaft. Sie zählt zu den besten und fundiertesten Analysen, die über jene frühe Zeit der Diktatur bisher vorliegen: über den Kulissenkampf zwischen Goebbels und Rosenberg um die Rolle des Kulturpapstes, über die mannigfaltigen Versuche der kunstpolitischen Opposition unter Führung von Professoren und Studentenfunktionären, den Expressionismus "hoffähig" zu machen. (Ein zweifelhaftes, aber doch auch mutiges Unterfangen.)

Was Hildegard Brenner an Material hierin ausbreitet, wie exakt sie die taktischen Winkelzüge der aufrechten Widersacher eines Kunstbanausen wie Rosenberg und ihr Scheitern an Hitlers Bannspruch 1934 auf dem Nürnberger Reichsparteitag (die "Kunstverderber", die "Kubisten, Futuristen, Dadaisten" und so weiter bedrohten den "unverdorbenen und gesunden Instinkt" der nationalsozialistischen Revolution) aufdeckt – dies alles ist mustergültig in der zeitgeschichtlichen Forschung und ihrer Literatur. Solches Lob gilt auch den Kapiteln, in denen sie über die mißlungene Thing-Bewegung, die Goebbels selber 1937 abblies, über den Bau-Fanatismus ("gebauter Nationalsozialismus") und über Rosenbergs und Görings Raubzüge durch die Museen und privaten Sammlungen Frankreichs und Polens berichtet, nicht ohne alles auch dokumentarisch einwandfrei zu belegen.

Nach den Biographien über Hitler und seine Paladine, nach den Augenzeugenberichten über die Schrecken in den Vernichtungslagern, den zahllosen politischen und militärischen Betrachtungen gibt es nun mit Hildegard Brenners Taschenbuch endlich auch für den Sektor der Kunstpolitik eine Untersuchung, die das Bild von der Diktatur jener zwölf Jahre vervollständigt und beweist, wie verschwistert Macht und Stupidität, Terror und Geist zuweilen sein können.