Abu Simbel wird zersägt, das ist der jüngste Beschluß. Das kostspielige kühne Projekt, die beiden 3000 Jahre alten ägyptischen Felsentempel hydraulisch als Ganzes zu heben, war zu utopisch für unsere Epoche mit dem praktischen Geschäftssinn. Das dafür benötigte Geld kam nicht zusammen. Aber nun ist so viel Zeit verloren, daß die beauftragten Firmen in großer Eile die Rettungsoperationen vornehmen müssen. Vorher muß ein dreißig Meter hoher Schuttdamm mit Spundwänden gebaut werden, um die Arbeitsstelle der Archäologen, Techniker und Arbeiter zu schützen, denn der neue Staudamm, 250 Kilometer nilabwärts bei Assuan, ist inzwischen so weit fertig geworden, daß mit dem Rückstau des Wassers begonnen wird. Geräte und Material müssen über Hunderte von Kilometern auf dem Nil herangeschafft werden, denn Nubien besitzt keine Straßen. Wenn es in der übriggebliebenen knappen Zeit nicht mehr gelingt, werden die Tempel trotzdem versinken.

Noch fehlt selbst der relativ kleine Betrag von 3,5 Millionen Mark für dieses Projekt, die Tempel in viele Blöcke, einige von 30 Tonnen Gewicht, zu zerlegen und Stück für Stück auf eine Bergkuppe oberhalb der jetzigen Tempelanlagen zu befördern. Die Ägypter hoffen, daß auch die Bundesrepublik sich finanziell noch daran beteiligt, obwohl sie schon sechs Millionen Mark für die Bergung der Tempel von Kalabscha gespendet hat, die nach dem gleichen System zersägt und in 50 Kilometer Entfernung von dem ursprünglichen Ort, der in dem neuen Stausee versinkt, wieder zusammengesetzt wurden. Die Leistung war so überzeugend, daß die Essener Firma Hochtief AG zusammen mit einer italienischen, einer französischen, einer schwedischen und einer ägyptischen nun auch beauftragt wurde, Abu Simbel mit den vier Ramses-Kolossalfiguren zu retten. EvM