Von Marcel

Es ist bekannt, daß die sowjetischen Soldaten, die 1945 in Danzig und anderswo einmarschiert sind, in erotischer Hinsicht bisweilen aufdringlich waren und auch in Eigentumsfragen, insofern es sich um das Eigentum der Einheimischen handelte, nicht immer strengen Anschauungen huldigten. Das weiß, auch in Polen, jedermann. Aber es ist des Landes nicht der Brauch, derartiges in gedruckten Publikationen zu erwähnen. Daher konnte die „Blechtrommel“ den polnischen Lesern nicht zugänglich gemacht werden.

Als jedoch vor zwei Jahren das Buch „Katz und Maus“ das Licht der Welt erblickte, hielten polnische Grass-Freunde, denen es immerhin gelungen war, Übersetzungen mehrerer seiner Gedichte und einen größeren Auszug aus der „Blechtrommel“ in Zeitschriften zu veröffentlichen, ihren Augenblick für gekommen. Denn in der Geschichte vom Schüler und Ritterkreuzträger Joachim Mahlke ist weder von Russen noch von Kommunisten die Rede.

Es begann ein Kampf um Grass. Er endete siegreich: Die Zensur (an der Weichsel gibt es eine amtliche Zensur, deren Existenz nicht verheimlicht wird und deren Adresse man im Warschauer Telefonbuch finden kann) ließ sich davon überzeugen, daß aus der Lektüre von „Katz und Maus“ ein politischer Schaden für die Einwohner der Volksrepublik Polen nicht erwachsen würde.

In polnischer Sprache erschien das Buch im Sommer dieses Jahres. Preis: zwölf Zloty. Für diesen Betrag kann man in einem Warschauer Café zwei Tassen Kaffee haben (ohne Kuchen). Übersetzung: einwandfrei. Vorwort von Andrzej Wirth: exakte Informationen, vernünftige Deutung.

Hatte sich der Kampf um dieses Buch bisher hinter den Kulissen des literarischen Lebens abgespielt, so wurde er jetzt in aller Öffentlichkeit geführt. Der Anfang war friedlich: Das Zentralorgan der polnischen Kommunisten, die Tageszeitung Trybuna Ludu, begrüßte „Katz und Maus“ Ende August ohne Enthusiasmus, aber doch freundlich.

Mehrere Wochen nach dieser harmlosen Introduktion wurden die schweren Geschütze aufgefahren: Plötzlich entdeckte man in einigen Zeitungen, „Katz und Maus“ sei ein aggressives polenfeindliches Werk, dessen Publizierung in Polen als ein fataler Fehler gelten müsse. Das führende Literaturblatt des Landes, die Warschauer Wochenzeitung Kultura, die dem Zentralkomitee der Partei in allen Fragen des Kulturlebens als unmittelbares Sprachrohr dient, legte sich am schärfsten ins Zeug.