Von Carl J. Burckhardt

Erinnerungen: Es war kurz nach dem Kriege in der Stadt Winterthur. Ich betrat den Vorgarten eines Freundes, im Schatten eines Haselstrauches saß ein älterer Herr vor einer Flasche Bier. Er rauchte eine Zigarre, die Jacke hatte er hinter sich auf die Stuhllehne gehängt. Nun stand er auf, ging mir zwei Schritte entgegen, gab mir die Hand und nannte seinen Namen. Es war der deutsche Bundespräsident.

Wir waren uns nie begegnet, aber sofort war es, als hätten wir uns immer gekannt. So sicher, so beruhigend alemannisch, so heimatlich war diese Begegnung. Alles schwang mit, was uns gemeinsam angehörte, was noch eben so fern, so verlassen im fahlen Licht auf dem Trümmerfeld gelegen hatte.

Da war dieses Württemberg, unser Nachbarland, unser erstaunliches Nachbarland – seine Stimmen: eine jede gesondert, zuerst das sublime Vorüberwehen der Hölderlinschen Strophen und dann die anderen: Mörikes Lied, immer mit einem seltsamen Rest aus Seelengrund, über dem viel Finsternis lagert; dann Uhlands männlich berichtender Gesang, blank, frei vorgetragen mit Harfenbegleitung, mit diesen paar Uhlandschen Griffen, die aufrauschen und leuchten lassen; auch Kerners weltabgeschiedene Mantik klang an und Hauffs genaue, leise fließende Erzählung, die hinzieht über Moos und Gestein und jede tauchende Ranke bewegt. Schiller war gegenwärtig, sein pfeilgerader Blick, seine politische Treffsicherheit, in der er jeden anderen deutschen Dichter übertrifft.

Wie eindrucksvoll, wenn da ein Mensch durch seine bloße Gegenwart geistige Welten, die schon verlcren schienen, unversehrt wieder heraufruft.

An jenem Abend, in der Stadt der großen Sammler und Förderer, traf der deutsche Bundespräsident zum erstenmal nach dem Untergang des deutschen Diktaturstaates abends eine große Zahl von verantwortlichen Männern aller Berufe. Auf allen lastete etwas: die Wiederbegegnung, die erste nach der großen Entfremdung, war schwierig. Theodor Heuss wurde in sehr offiziellem, entschieden gehemmtem Ton begrüßt. Dann stand er auf und präludierte so etwas, so als spräche er vor sich hin, das Glas in der Hand, auf schwäbisch. Er plauderte, hatte Einfälle, die er wieder fallenließ, dann begann er zu erzählen mit zarter Klugheit. Alles sprach er aus, was zu sagen nötig war, kein Wort mehr. Alles, was gerade in jenem Augenblick richtig war, ohne Urteile abzugeben, humorvoll, weise, ohne Erklärungen oder Gelöbnisse. Wer konnte das wie er?

Als er geendet hatte, war es einem jeden von uns zumute wie einst dem eisernen Johann, als die an seine Brust geschmiedeten Reifen entzweisprangen. Was er sagte, wuchs aus einem tiefen Grunde. Das alte Gebäude aber, in dem er zu uns sprach, hieß und heißt noch heute „Haus zur Geduld“.