Das Sportjahr 1963: Arm an Rekorden – reich an Krawall

Von Heinz Maegerlein

Carl Diem, der große Denker des Sports, der 1962 von uns gegangen ist, hat einmal gesagt: „Sport ist Erneuerung aus kosmischer Lebenskraft.“ Auch im Jahre 1963 haben nicht mehr Menschen diese Möglichkeit genutzt als in den Jahren vorher. Noch immer fristet der Sport der Masse bei uns in Deutschland ein kümmerliches Dasein. Die zaghaften Ansätze zu einer Besserung der schulischen Leibeserziehung, in denen ja die für die ganze Zukunft des Menschen entscheidenden Impulse auch hier gelegt werden müßten, sind nur Ansätze geblieben, hier und da ist sogar ein Rückschritt unverkennbar. Diems Wort, das Ende der fünfziger Jahre als eine Art Kampfparole angesichts der unbegreiflichen Gleichgültigkeit nahezu aller staatlichen Stellen ausgegeben worden war: „Solange die tägliche Turnstunde Fernziel ist, bleibt der Herzinfarkt das Nahziel“, ist gerade auch 1963 von einer bestürzenden Realität gewesen: ungenügende Bewegung hat den frühzeitigen Tod von hunderttausenden Menschen in unserem Lande mitverschuldet. Alles, was wir am Ende des Vorjahrs an gleicher Stelle geißeln zu müssen glaubten, besteht zumindest im gleichen Umfang auch heute noch. Ja, Untersuchungen, die die Bundeswehr in diesem Jahr 1963 angestellt hat, haben noch viel, traurigere Ergebnisse gezeitigt als wir bisher annahmen: Von 500 untersuchten jungen Männern – im Alter zwischen 18 und 23 Jahren – konnten über 300 nicht schwimmen, und 420 von diesen 500 waren nicht einmal imstande, auch nur einen einzigen Klimmzug am Reck auszuführen! Angesichts solcher katastrophaler Untersuchungsergebnisse muß unverständlich sein, daß nicht endlich energische Schritte zu einer durchgreifenden Änderung unseres Erziehungssystems unternommen werden. Diese Untersuchungen der Bundeswehr werden ergänzt durch Ergebnisse der Leistungsprüfungen bei Sportphilologen, das heißt bei Studenten, die in wenigen Jahren den Turnunterricht in den höheren Schulen unseres Landes leiten werden. Heinz Oberbeck, vor Jahren einer der besten deutschen Zehnkämpfer, heute selbst Lehrer, schreibt darüber im soeben erschienenen „Jahrbuch der Leichtathletik 1963“ unter anderem. „Es war Monat April. Auf dem Rasen des Hochschulstadions warteten vierzehn ‚neue‘ Sportphilologen auf ihre erste Leichtathletikstunde. Der Lehrer kam, und tat, was er bei diesem ersten Zusammentreffen immer zu tun pflegte: Er fragte, ob sie Mitglied in einem Sportverein seien und welche Sportarten sie besonders betrieben hätten. Die Antworten überraschten ihn nicht mehr. Einer bezeichnete sich als Turner, drei als Ballspieler, drei nannten sich Leichtathleten. Die übrigen sieben waren weder Mitglied eines Turn- oder Sportvereins noch konnten sie Angaben über Sportarten machen, die sie bisher außerhalb des Schulsports besonders gepflegt hatten. Die Mehrzahl machte einen derart ungeübten Eindruck, daß an eine Leistungsüberprüfung zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken war. Sie fand drei Wochen später statt. Man lief 100 m zwischen 12,5 und 15,1 Sekunden, der ‚Semesterschnitt‘ betrug 13,3 Sekunden. Im April des Vorjahres sprangen männliche Sportstudenten hoch: der erste scheiterte an 1,37 m, zwei übersprangen noch 1,37 m. Wer die Kugel 10 m weit zu stoßen imstande ist, darf mit höchstem Semesterruhm rechnen. Aus diesen Zahlen darf gefolgert werden, daß sich der Unterricht an Hochschulinstituten in größtem Ausmaß auf die Einführung und das Erlernen grundlegender Bewegungsfertigkeiten beschränken und damit leider eine Aufgabe erfüllen muß, die eigentlich die Voraussetzung für das Studium sein sollte, das sich ‚Lehre und Forschung‘ in der Didaktik und Methodik als Ziel setzt.“

Am Schulsport nicht interessiert

Schuld daran, daß solche, zumeist ungeeignete Bewerber so mangelhaft vorbereitet in ihr Studium eintreten, das man in diesem Falle doch wohl nur als „Brotstudium“ bezeichnen kann, ist wiederum die Schule, die ihnen in 13 Jahren nicht einmal ein solides Grundmaß an körperlicher Leistungsfähigkeit mitgab.

Leider hat es den Anschein, als wenn nur wenige in unserem Land daran Anstoß nehmen. Außer einigen mehr oder weniger akademischen Reden zur alarmierenden – seit vielen Jahren schon alarmierenden! – körperlichen Situation in Deutschland, die noch dazu meist vor einem Kreis gehalten wurden, der diese Gefahren längst erkannt hat, und einigen Protesten aus Kreisen der Elternschaft ist kaum etwas geschehen. Erst dieser Tage hat wieder der Kultusminister eines deutschen Landes auf eine aufrüttelnde Pressenotiz einer großen deutschen Zeitung nur mit einer Richtigstellung eines Zitats geantwortet, aber zur Sache selbst geschwiegen.

Je weniger man sich bei uns für alle diese grundlegenden Fragen des Sports und insbesondere des Schulsports zu interessieren scheint – und in Wirklichkeit sind das ja doch Fragen, die uns alle und jeden einzelnen von uns angehen, um so mehr wächst der Fanatismus am Rande des Sportplatzes, auf den Tribünen. Es war gewiß zu erwarten, daß wir 1963 durch die Einführung der Bundesliga im deutschen Fußball in dieser Hinsicht einiges befürchten mußten, aber die Ereignisse haben doch auch die größten Befürchtungen noch übertroffen. Gewiß ist der traurigste Fall, jener beim 1. FC Nürnberg, in dem man einen verdienten Trainer Knall und Fall entlassen hat, nur weil einige Spieltage hindurch Erfolge ausblieben, und wo man sein Auto demoliert und seine Frau mit Steinen beworfen hat, heute noch ein Einzelfall, aber er scheint leider doch symptomatisch zu sein für ein gewisses Publikum, das vom wahren Sportgeist auch nicht einen Hauch verspürt und das Krach um jeden Preis sucht. Es ist in manchen Stadien durchaus Sitte, ausschließlich die eigene Mannschaft – und auch das wohlgemerkt nur, solange sie Erfolg hat! – anzufeuern, alle Aktionen der gegnerischen Mannschaft aber mit Stillschweigen oder gar mit abfälligen Äußerungen zu versehen. Wenn Betrunkene, die Spieler belästigen, aus den Stadien entfernt werden, wenn, wie in Hamburg beim Spiel des HSV gegen den FC Barcelona geschehen, eine Bierflasche gegen einen Stürmer der Gastmannschaft geworfen wird, so zeigt dies alles, wie weit der Fanatismus auf unseren Sportplätzen gediehen ist.