Vom naßkalten Bonn flog Bundeskanzler Ludwig Erhard ins heiße Texas. Aber auch auf der Ranch des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson empfing ihn weihnachtliche Stimmung. Frau Johnson hatte im Arbeitszimmer des Präsidenten, das Erhard überlassen wurde, einen Christbaum geschmückt.

Johnsons Gast – der erste westliche Staatsmann, den er zu intimem Gespräch einlud – sollte sich wohl fühlen. Diskret hatte der US-Botschafter in Bonn die Hutgröße des Kanzler; erkundet, damit ein maßgerechter Texanerhut besorgt werden konnte. Der Pianist van Cliburn wurde engagiert, um Erhard, einen Freund klassischer Musik, mit Werken deutscher Komponisten zu unterhalten. Nach hundertfünfzigjährigen Rezepten deutscher Einwanderer buken Johnsons Köche einen Schokoladenkuchen. In der lutherischen Kirche der ehemals deutschen Siedlung Fredericksburg wurde ein zweisprachiger Goresdienst angesetzt.

Diese „familiäre‘ Behandlung gehört zum politischen Stil Johnsons. Bei Bundeskanzler Adenauer hatte er ihn vor zwei Jahren schon einmal mit Erfolg erprobt. Die herzliche Gastgeberlaune des Präsidenten kam auch dreißig Korrespondenten aus der Bundesrepublik zugute, für die er ein Gartenfest arrangieren ließ. Dreihundertfünfzig Gäste wurden in die Turnhalle von Johnson-City zu einem Bankett geladen. Die Speisefolge: Gegrilltes Steak, Rippenstücke, Hickorysoße, Bohnen, deutscher Kartoffelsalat, Krautsalat, Fleischpasteten und Kaffee.

Das politische Menü der vier Gespräche, die Erhard und Johnson miteinander führten, war nicht minder reichhaltig. Vier große Themen dominierten:

Die deutsche Frage. Die USA wollen keinem Abkommen zustimmen, das die Teilung Deutschlands zementieren würde. Bonn wird alle Wege prüfen, die zur friedlichem Wiedervereinigung durch Selbstbestimmung führen können.

Entspannung. Der Arbeitsauschuß aus den Botschaftern der drei Westmächte und der Bundesrepublik in Washington soll neue Initiativen des Westens zur Entspannung des Ost-West-Verhältnisses erörtern. Bonn will in seiner Ostpolitik flexibel bleiben.

Rüstung. Bonn und Washington geben den Plänen für eine multilaterale Atomstreitmacht zur See gute Aussichten. Die USA belassen ihre sechs Divisionen in Deutschland, solange sie benötigt werden.