Drei Jahre nach ihrer Entlassung aus der britischen Kolonialherrschaft stand die Mittelmeer-Insel Zypern in der Weihnachtswoche dicht vor einem Bürgerkrieg. Bei schweren Zusammenstößen zwischen griechischen Zyprioten (80 Prozent der Bevölkerung) und türkischen Inselbewohnern (20 Prozent) gab es in der Hauptstadt Nikosia viele Tote – 20 nach einem Bericht, 300 nach anderen Meldungen. Aus Furcht vor einem griechisch-türkischen Konflikt entsandte die britische Regierung den Commonwealth-Minister Duncan Sandys als „ehrlichen Makler“ nach Zypern.

Diese Furcht war aufgekommen, nachdem türkische Düsenjäger mehrmals „zur Warnung“ Nikosia überflogen hatten und elf türkische Kriegsschiffe vor Zyperns Nordküste aufgetaucht waren. Offenbar befanden sie sich auf einer seit langem festgelegten Manöverfahrt zu dem türkischen Hafen Alexandrette. Der zypriotische Staatspräsident Makarios hielt sie jedoch für eine Invasionsflotte. Er appellierte an die UN, Griechenland an die NATO. Der Weltsicherheitsrat trat zu einer Sondersitzung zusammen.

Die Briten, die gemeinsam mit der Türkei und Griechenland die Unabhängigkeit und die Verfassung Zyperns garantieren, verstärkten ihre Garnisonen (normalerweise 10 000 Mann) um 400 Soldaten und eine Panzerspähwagen-Einheit. Die Truppen der beiden anderen Garantiemächte – 950 Griechen und 650 Türken – wurden britischem Kommando unterstellt.

Anlaß der Krise war ein Streit um die Verfassung des jungen Inselstaates, die nach sieben Jahren Partisanenkrieg im Züricher Abkommen vom Februar 1959 festgelegt worden war. Die Verfassung räumte der türkischen Minderheit einen Anteil von 30 Prozent in den Parlamentssitzen und in der Verwaltung ein, 40 Prozent in der Armee und der Polizei; der türkische Vizepräsident erhielt ein weitgehendes Vetorecht. Außerdem wurde vorgesehen, daß in den fünf größten Gemeinden, in denen Türken und Griechen nebeneinander leben, separate Verwaltungen eingerichtet werden sollten; den beiden Volksgruppen wurde getrennte Gerichtsbarkeit zugebilligt.

In der Praxis ergab sich, daß die Türken nicht imstande waren, die nach dem Schlüssel 7 : 3 auf sie entfallenden Posten zu besetzen. Die Frage der getrennten Stadtverwaltungen schuf Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Aus diesen Gründen legte Erzbischof Makarios dem Vizepräsidenten Kütschük Ende November 1963 den Plan für eine Verfassungsrevision vor. Er empfahl:

  • Abschaffung der getrennten Gerichtsbarkeit und Stadtverwaltungen
  • Abschaffung der 30-Prozent-Klausel
  • Veränderung des Abstimmungsmodus bei Finanzvorlagen (der alte hatte bewirkt, daß seit zwei Jahren kein Einkommensteuergesetz mehr verabschiedet werden konnte).
  • Aufhebung der Vetorechte des griechischen Präsidenten wie des türkischen Vizepräsidenten in Angelegenheiten der Verteidigung, der auswärtigen Beziehungen und Sicherheitsgesetzgebung.

Im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit der Verfassung konnten diese Forderungen nicht unvernünftig erscheinen. Die türkische Volksgruppe erblickte darin jedoch einen neuen Majorisierungsversuch der griechischen Zyprioten. Sie bestand auf der buchstabengetreuen Durchführung der alten Verfassungsbestimmungen. Daraus ergaben sich jene Spannungen, die in blutige Zusammenstöße mündeten.

Der Streit wird dadurch kompliziert, daß Griechenland und die Türkei inmitten schwerer Regierungskrisen stecken. Nach den Züricher Verträgen können die Garantiemächte einzeln oder zusammen eingreifen, um die innere Sicherheit der Inselrepublik oder ihrer verfassungsrechtlichen Zustand zu wahren. Die Gefahr liegt nahe, daß die beiden südöstlichen Garantiemächte die Zypernfrage abermals hochspielen, um von ihren eigenen innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Sandys sollte eine solche Zuspitzung verhindern.