Paris, Ende Dezember

Gelegentlich eines Neujahrsempfanges zu Beginn des Jahres 1963 hatte Ministerpräsident Pompidou die Bemerkung fallen lassen, das Kursniveau der Pariser Börse sei viel zu hoch, es entspreche nicht der Rendite. Die Börse war über diese Äußerung verstimmt. Der Index fiel von 100 zu Beginn dieses Jahres bis Anfang Juli auf 84,4. Ende August erreichte er wieder 94,9. Dann wurde am 12. September das Programm der Preisstabilisierung mit seinen problematischen Maßnahmen veröffentlicht. Daraufhin fiel der Index bis Ende des Jahres wieder 83 zurück. Französische Werte haben somit 1963 etwa 17 Prozent verloren, während in der gleichen Zeit die in Paris notierten Auslandswerte um 14,4 Prozent gestiegen sind.

Enttäuscht wandte die Kundschaft der Börse den Rücken. Nun war es wieder Pompidou, der von sich reden macht. Er äußerte, das Kursniveau beginne jetzt, interessant zu werden. Gleichzeitig wurde die seit langem vom Börsen vorstand vorgeschlagene Herabsetzung der Deckungsforderungen für Termingeschäfte veröffentlicht. Bislang hatte das Finanzministerium die Genehmigung dazu versagt. Dies war die erste Maßnahme der Regierung zugunsten der-, Börse seit langer Zeit.

Für die Kundenwerbung ist die Herabsetzung der Deckungsbestimmungen jedoch ohne Bedeutung. Sie ist zwar geeignet, Verkäufe von Aktien zu mindern, aber sie reicht nicht aus, um ein von Aktiengeschäft enttäuschtes Publikum wieder an die Börse zurückzubringen. Dies scheint man aber in Pariser Regierungskreisen zu hoffen.

Die Vorbereitungen für die Emissionen steuerbegünstigter Immobilien-Investmentstrusts und die Ausgabe von Anteilen der „open end“-Fonds sind nunmehr beendet. Diese Gesellschaften sollen im Januar ihre Tätigkeit aufnehmen. Die Banken berichten allerdings, daß das Interesse für diese Neuemissionen trotz aller steuerlichen Vorteile gering ist. Es wird daher einer langen und intensiven Werbetätigkeit aller an der Börse interessierten Kreise bedürfen, um die Kundschaft für das Effektengeschäft zurückzugewinnen. Es ist zwar richtig, daß die Kapitalsammelstellen, Versicherungen und halboffizielle Kassen über große Beträge verfügen, die angelegt werden sollen, aber die private Kundschaft trägt ihr Geld zu den Sparkassen oder sie gibt es ganz einfach aus. Wo auf alten Beständen noch Gewinne vorhanden sind, werden sie realisiert. Bezugsrechte, auch wenn sie günstig sind, werden verkauft und nur die Großaktionäre interessieren sich für den Erwerb junger Aktien.

Die neuen, im Jahre 1964 auszugebenden Regierungsanleihen (zunächst zwei Milliarden Frs. zu 4 Prozent) werden für den Aktienmarkt wegen ihrer Zinssteuerfreiheit eine schwere Konkurrenz bedeuten.

An Sonderbewegungen dürfte es auch 1964 nicht fehlen. Wie immer die Entwicklung am europäischen Markt auch sein mag, die französische Industrie wird noch stärker als bisher gezwungen, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen, zu fusionieren, oder sich durch forcierte Investitionen gegenüber den steigenden Löhnen Luft zu verschaffen. Die Verlagerung der Rüstungsausgaben auf elektronisches Gerät wird sich zu Gunsten der Elektroindustrie auswirken. Die Bauindustrie wird keine Lähmung erfahren. Alle Zulieferer werden gut beschäftigt bleiben. Es darf als wahrscheinlich gelten, daß die Automobilindustrie ihre Produktionsdynamik 1964 nicht voll aufrechterhalten kann. Zurückgehaltene Investitionsaufträge werden 1964 erteilt werden müssen und der Maschinenindustrie gute Beschäftigung geben. Für die Sachversicherungen war das Jahr 1963, wie überall in Europa, nicht günstig. Eine Sanierung des Automobilversicherungsgeschäftes steht aber bevor. Die Ertragskraft der Banken wird wachsen. Allerdings haben sie auf ihren Effektenbeständen 1963 zwar überwiegend – Verluste erlitten. RETLAW