Unser Kritiker sah:

„DER BÜRGERMEISTER“

Von Gert Hofmann theater 53, Hamburg

Wenn Verlagsmitteilungen schon Theaterfakten wären, dann müßte „Der Bürgermeister oder Die Macht der Überredung“ in dieser Saison das wichtigste, weil am häufigsten „angenommene“ Stück eines neuen deutschsprachigen Autors werden. In Hamburg jedoch geriet es in ein Kellertheater, und das heißt, die beiden Staatsbühnen des Schauspiels verzichteten. Erstaunlich war die Vorgeschichte: Obwohl Gert Hofmann Deutscher ist (1932 in Sachsen geboren, jetzt Dozent in Edinburg), fanden die zwei ersten Inszenierungen in englischer Übersetzung statt (Bristol und London), die dritte in französischer Sprache (Genf). Die deutsche Aufführungsserie begann vor kurzem am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Nicht nur hinsichtlich des Auslandsinteresses läßt „Der Bürgermeister“ an „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch denken. Die ersten beiden von Hofmanns drei Bildern machen zunächst sogar den Eindruck eines Motivplagiats. Der Kleinbürger Moll, durch Geld gefügig gemacht, nimmt einen Berufsverbrecher in seine Wohnung auf. Otto Moll „ahnt“ zwar, wer nächtlicherweile die Terrorakte im Städtchen verübt. Solange er aber nichts „weiß“, fühlt er sich nicht mitverantwortlich. Als Nachtigall ihm reinen Wein über die Untaten einschenkt, beruhigt Moll seine sensationslüsterne Seele damit, daß ein „Überzeugungstäter“ wie Nachtigall ja ein Idealist sei. Im dritten Bild endlich geht der Autor eigene Wege. Richtiger: er schaltet von Frisch auf Ionesco, von scheinbarem Parabel-Realismus auf Antidrama um. Die Aussicht, selber Bürgermeister zu werden, und sei’s durch Mord, löst in dem oft gedemütigten städtischen Angestellten einen Rausch des Selbstgenusses aus. Als tumbes Opfer rennt bei einer Probeszene Nachtigall in das Messer des neuen „Bürgermeisters“ Moll.

Der Pferdefuß des „Biedermann“ hatte in den parodistisch verfremdenden Feuerwehr-Chören gesteckt: Die Demokratie darf nicht löschen, es sei denn, es brenne schon. Gert Hofmann entkommt dem Pessimismus Frischs, indem „Der Bürgermeister“ durch die Schlußwendung zur Absurdität konkreter bleibt. Hofmann führt einen durch Überredung wild gewordenen Spießbürger vor und läßt das Publikum erschauern vor der Banalität eines Diktatorenrausches, in dem sich private Minderwertigkeitskomplexe abreagieren. Zurückblickend darf das als eine deutsche Chiffre gelten. Die politisch deutbare Farce nimmt noch durch einige Pointen englisch anmutenden Witzes für sich ein. Solange der Autor dagegen auf Frisch-Fährten pirscht, bleibt seine Sprachlandschaft trocken, karg.

Die Hamburger Aufführung lebte von Karl-Ulrich Meves. Er legte seinen Moll von vornherein dämonisch auf die Explosion hin an. Als einziger machte Meves auch die kleinbürgerlichen Familienszenen brisant. Nachtigall und Frau Moll jedoch blieben einem privat wirkenden Bühnennaturalismus verhaftet (Regie: Jochen Rathmann). Gert Hofmann gehört aber nicht zum englischen Neorealismus. Johannes Jacobi