An die 3000 Konkurse und Vergleichsverfahren gab es im letzten Jahr in der Bundesrepublik. Einige erregten weltweites Aufsehen. Gewagte Finanzaktionen bei zu geringem Kapitalpolster waren häufig die Ursache. Es blieb nicht aus, daß die Gefahren, die in der Unterkapitalisierung der deutschen Wirtschaft liegen, sich in düsteren Prophezeiungen niederschlugen. Ein Bankrott in New York, der – im Gegensatz zu den deutschen Insolvenzen – einen internationalen Skandal auslöste, zeigt nun, daß auch eine mit Dollar gut gepolsterte Wirtschaft gegen derartige Zwischenfälle nicht gefeit ist, Konkurse und Kapitalausstattung einer Volkswirtschaft also nicht in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen.

New York, Ende Dezember

Nicht weniger als 58mal nahm Anthony DeAngelis, Chef der Allied Crude Vegetable Oil Refining Corporation, vor dem Konkursrichter Zuflucht zu dem fünften Anhang der amerikanischen Verfassung, der ihm ein Zeugnisverweigerungsrecht zusichert, falls er sich durch seine Aussage einer strafbaren Handlung beschuldigen würde. Die New Yorker Bankwelt sah sich damit in der Hoffnung getäuscht, endlich Aufschluß über die Praktiken der Firma zu erhalten, die mit rund 150 Millionen Dollar Schulden in Konkurs gegangen ist, nicht ohne drei Maklerfirmen der New Yorker Börse und ein gutes Dutzend Banken mit in den Strudel hineinzureißen.

DeAngelis, ein ehemaliger Schlachtergeselle, wollte mit Pflanzenöl das Geschäft seines Lebens machen – und verspekulierte sich. An der Warenbörse hatte er Öl eingekauft, soviel er rur bekommen konnte, und mußte dann zusehen, wie die Preise fielen statt zu steigen, wie er es erhofft hatte. Als ihm schließlich Gläubiger eine Rechnung von nur 19 Millionen Dollar präsentierten, konnte er nicht zahlen und erklärte Konkurs – nicht zum erstenmal in seinem Leben. Aber das hatte er bis dahin seinen New Yorker Banken verheimlichen können.

1955 hatte er die Allied Crude Vegetable Oil Refining Corporation gegründet, die über den Regierungsexport landwirtschaftlicher Überschußprodukte schnell ins internationale Geschäft kam und durch den Umfang ihrer Transaktionen eine führende Rolle im Warentermingeschäft spielte. DeAngelis ist auch mit einem Drittel an einer Chikagoer Pflanzenölfirma beteiligt, die nach Verlautbarung der dortigen Polizei in Verbindung mit Unterweltkreisen steht. Das war in New York aber ebenfalls nicht bekannt, und so erschien er Maklerfirmen, die auf dem Warenmarkt arbeiten, als begehrenswerter Kunde, dessen Riesenumsätze hohe Provisionseinnahmen abwerfen.

Spurlos verschwunden

Ein Geheimnis, das den ganzen Fall jetzt noch verwickelter macht, ist das spurlose Verschwinden riesiger Mengen von Pflanzenöl, die sich in dem aus 200 Tanks bestehenden Tanklager von Bayonne befinden müßten. Trotz intensiver Nachforschungen der zuständigen Behörden wie auch der geschädigten Gläubiger und Versicherungsfirma ist über den Verbleib nichts feststellen. Man weiß nicht einmal, ob das angeblich gelagerte Speiseöl sich jemals in den verschlossenen und versiegelten Tanks befunden hat.