Von Josef Müller-Marein

Ach, wie war es windig im dreiundzwanzigsten Stock des Hotels am Hyde Park Corner! Ich schwöre, daß die Gardine, bei geschlossenem Fenster, waagerecht im Zimmer stand. Und als der Schnellzug durch die sturmgepeitschte Landschaft vormittags von London nach Cardiff fuhr, war es auch nicht besser im Abteil. Kalt und eklig. Nur der dicke Schaffner, er war nett. „Von Cardiff nach Llantwit Major“, so sagte er tröstend, „haben Sie eine lustige Strecke. Immer an der Küste entlang.“

Die Lustbarkeit der Kleinbahn, in die man mittags einstieg, bestand darin, daß der Zug stets schon hielt, kaum, daß er losgefahren war, und daß es im Coupé ja noch mehr zog als im Londoner Hotel und im Vormittagsexpreß. Den Mantelkragen hochgeschlagen stolperte ich hurtig durch eifrige Bewegung ein bißchen zu erwärmen, teils der Neugier halber. Rechts sah man in einer Art Terrassenlandschaft düstere Fördertürme und Fabrikbauten und manchmal grüne Weiden und Sträucher, links aber graue Klüfte und Felsen, und dann und wann blitzte stählern hell das aus Meer aus der Tiefe. Es schäumte, tobte. Aber tapfer hielt das Züglein sich auf der Höhe, schnurrte langsam bergauf, bergab. Einmal hieß es sogar: „Alles aussteigen!“ Der neue Zug mußte der eineiige Zwilling des vorigen sein. Auch hier schlossen die Fenster nicht dicht – ohne Rücksicht darauf, daß die Landschaft mit jedem Meter karger, kahler, stürmischer wurde.

Und endlich Llantwit Major. Wie soll ich dies Mittelding zwischen Städtchen und Dorf beschreiben? Ein Landeskundiger sagte: „Nicht nötig! Typischer südwalisischer Flecken!“ Darnach wäre Llantwit Major etwas für Kenner. Denn die Nichtkenner tun sich zu schwer in Llantwit Major.

Keine Bürgersteige, aber dafür enge Straßen mit kleinen, gemütlichen Steinhäusern. Wenig Autoverkehr, aber dafür wildverwegene Fahrer. Selten Schaufenster, aber dafür viele Kostbarkeiten auf einen Haufen in den Auslagen präsentiert, vom Regenschirm bis zum Glas mit Bonbons. Drinnen, in den kleinen Häusern, muß es gemütlich sein am Kamin. Aber die Leute stehen draußen vor der Tür, ohne Mantel, im Pullover, ohne Hut, nur mit Wind im zerzausten Haar. Ihre Worte lauten: „Kalt. Verdammt kalt! Brrr ...“

„Wie kommt man“, so frage ich, „um Himmels willen nach St. Donat’s Castle?“ – Der erste Bürger antwortet: „Sehen Sie hinten den Autobus? Der tut’s!“ Ein anderer: „Nein. Der tut’s nicht! Der fährt heute nur links die Küste hinunter; erst morgen fährt er rechts hinunter!“ Aber ein dritter Bürger von Llantwit Major packt mich brüderlich an der Schulter: „Komm mit!“ und schleppt mich zu einem kleinen Privatbus, der mit Kindern und Pappkartons zum Platzen voll beladen ist. Am Steuer sitzt eine junge, hübsche Dame. „Guten Nachmittag!“ sagt sie. Jetzt ist der Weg nach St. Donat’s Castle gesichert.

Plötzlich, nach ziemlich langer Holperfahrt, ein Tor. Ein Park öffnet sich; und an dessen Ende glänzt ein Schloß, aufragend über Klippen: St. Donat’s Castle – Atlantic-College.