Theodor Eschenburg: Die improvisierte Demokratie. Gesammelte Aufsätze zur Weimarer Republik. Piper Verlag, München, 306 Seiten, kartoniert 8,80 DM

Der verstorbene Altbundespräsident Professor Heuss hat in seinen Erinnerungen gestanden, daß er Stresemann nicht habe leiden können. Ihm sei das Pathos des Ministers auf die Nerven gegangen; Heuss empfand es als blechern. Die Sentimentalität Stresemanns habe nicht seiner, Heuss’, Art entsprochen, und deshalb habe er kein rechtes Verhältnis zu dem berühmten Mann gewinnen können.

Heuss’ Urteil über Stresemann war von jener schroffen Einseitigkeit, zu der unser erster Bundespräsident durchaus fähig war. Sein Wesen ist mit Güte und Humor nur ungenügend umschrieben worden. Aber wie alle einseitigen Urteile, war es ungerecht. Es ist wahr, Stresemann war gefühlsselig, und er liebte das Pathos mehr, als es der heutigen Generation und damals dem jungen Heuss erträglich ist und war. Was Heuss nicht sah, das war die Stärke und Aufrichtigkeit der Gefühlsseligkeit Stresemanns, so verquollen die Töne auch manchmal klangen, mit denen er sprach.

Stresemanns Sentimentalität gab ihm immer wieder die Kraft, für hohe Ziele sich und andere zu opfern und gelegentlich auch höchst listenreich Umwege zu machen und Menschen zu überreden. Schließlich wäre Stresemann nicht so volkstümlich geworden, und er hätte nicht die Massen hinter sich bringen können, er hätte nicht so oft Widerstrebende zu packen und zu überreden vermocht, wenn ihm nicht sein Pathos geholfen hätte.

Theodor Eschenburg entwirft ein reicheres, und wir wir glauben, zutreffenderes und genaueres Porträt von Stresemann als es Heuss getan hat. Auch er verschweigt Stresemanns Gefühlsseligkeit nicht; er nennt ihre Äußerungen an einer Stelle schlicht und treffend „kitschig“. Aber Eschenburg verweilt nicht lange dabei, weil bei dem handelnden Staatsmann Stresemann Pathos und Gefühlsseligkeit bald zurücktraten hinter dem glänzenden Taktiker und dem kühlen Beobachter, dem zielsicheren Parlamentarier, dem entschlossenen und geschmeidigen Diplomaten.

Nationale Leidenschaft und liberales Empfinden bleiben immer noch der Untergrund des Handelns. Aber sie waren eingeschmolzen in Verhandeln, Reden, Überlisten, immer mit einem ganz bestimmten konkreten Ziel. Der Überschwang, das Breiige, Tränenselige hatten sich so sehr gelöst, daß Stresemann schließlich mehr als Schüler Talleyrands, Metternichs und Bismarcks und gar nicht mehr als der romantische Festredner für verklemmte Bourgeois erscheint.

Er war ein Mensch mit seinem Widerspruch: wenn man will, eine problematische Natur. Aber indem er die Widersprüche zu einer höheren Einheit verband, wurde er ein bedeutender Politiker und der größte und erfolgreichste Staatsmann, den Deutschland seit Bismarck besessen hat. Daß wir sein Erbe nicht zu wahren wußten, ist unser Verhängnis geworden.