Anmerkungen zu einem Prozeß um das Warschauer Getto

Von Gerhard Schoenberner

Bonn

Vor dem Bonner Landgericht steht zur Zeit ein Streitfall zur Verhandlung, der interessant zu werden verspricht: Er behandelt die Rolle des einzelnen in der Diktatur und zeigt die Schwierigkeiten, sie im konkreten Fall nach zwei Jahrzehnten noch zu rekonstruieren.

Kläger ist der Medizinalrat Professor Dr. Wilhelm Hagen, bis 1958 Präsident des Bundesgesundheitsamtes, der 1933 von den Nazis aus dem öffentlichen Dienst entfernt, 1941 jedoch dienstverpflichtet und als Amtsarzt für die Stadt Warschau eingesetzt wurde. Beklagter ist der Schriftsteller Joseph Wulf, Herausgeber zahlreicher zeitgeschichtlicher Dokumentationen, während des Krieges Bewohner verschiedener Gettos, Widerstandskämpfer und Häftling in Auschwitz.

Im Jahre 1961 veröffentlichte Wulf als vierten Band einer Serie über die NS-Zeit eine Darstellung der Liquidation von 500 000 Juden im Getto Warschau unter dem Titel „Das Dritte Reich und seine Vollstrecker“. Der zweite Teil des Buches enthält ein Kapitel „Biographien der Liquidatoren und Helfershelfer“, in dem an 14. Stelle auch Prof. Hagen aufgeführt ist.

Vorwürfe gegen einen Arzt