Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen sitzt Schneewittchen und wartet. Es sind Gartenzwerge, und das Schneewittchen ist die deutsche Mode. Das schöne Kind wird falsch gekleidet, daran tragen schuld nicht nur die Gartenzwerge, sondern auch die ältere Dame, die immerfort in den Spiegel schaut, ob sie noch die Schönste im ganzen Land sei: die Durchschnittsfrau mit dem Durchschnittsgeschmack.

Obwohl eine englische Zeitung uns 1963 eine gute Zensur erteilte, was die Verwandlung der jungen Mädchen aus den rauhen Puppen des BdM in recht nette Schmetterlinge betrifft, so läßt es sich doch nicht leugnen, daß wir dem internationalen Trend der Mode nur zögernd und unsicher folgen. Manche Vorschläge werden überhaupt nicht akzeptiert, während sie im Ausland geradezu dominieren – die Einkäufer haben keine Order gegeben, sie haben nichts riskieren wollen –, manche erscheinen immer noch eine Saison oder ein Jahr später. Zu spät. Obwohl wir Frankreich so viel nähergerückt sind und alles schneller ist.

Da hätten wir beispielsweise die Sache mit dem Cape. Es ist eines der graziösesten Instrumente für die Bewegungen einer schlanken, großen Frau. In Paris und in Italien tragen die Damen, und nicht etwa nur die Kundinnen der Haute Couture, seit dem Herbst 1962 die überaus praktischen und zugleich eleganten Capes, hüftlang wie ein Poncho oder bis zum Ansatz der Wade reichend wie ein Mantel. Wenn im letzten Winter eine gertenschmale Person in hautengen Keilhosen mit einem Poncho darüber als hinreißende, tiefschwarze Silhouette über den Leopoldboulevard in München spazierte, so war es gewiß eine Ausländerin. Ich habe den raffinierten Umriß schon einmal gesehen, im Jahre 1937 bei der honiggoldenen Abendbeleuchtung in den Antikensälen des Louvre, durch die eine Pariserin wie ein Traum von Balenciaga im schwarzen, ziemlich langen Cape schritt, einen schwarzen Tschako leicht schräg gesetzt auf dem hochfrisierten kleinen Kopf. 1937 war das Cape ein Versuchsballon. Im Winter 1963/64 endlich ist es in den Konfektionshäusern der Bundesrepublik und auf den Seiten der Familienzeitschriften.

Meine belgische Freundin Berthe erschien neulich in einem bayerischen Lodencape – „Lodang“ ist seit ungefähr zehn Jahren in Paris und Brüssel sehr en vogue und entsprechend teuer –, das sie selbst mit echten, alten Silberknöpfen besetzt hatte. Sie trug dazu geschickt ein weißes Hütchen und einen weißen Schirm, aber keine weißen Schuhe, die sur deutschen Standardfußbekleidung bis in den Winter hinein wurden, sondern schwatze Pumps. Setzt sie einen Trachtenhut auf, dann nur einen echten aus Salzburg, Tegernsee oder Vorarlberg, und keins von diesen pervertierten Gebilden mit dem hohen Kopf eines Bowlers. Übrigens könnte der Bowler sehr gut zu einem Poncho passen, analog den Trachten der Indianerinnen von Bolivien. Zur Reise bevorzugt Berthe in Pepita den Cadenabbia-Bibi des Kanzlers, den seinerzeit Rex Harrison bei der Premiere von „My Fair Lady“ aus der Taufe hob und populär machte.

Nicht nur beim Fernsehen, auch in der Mode herrscht der Geschmack, der den Durchschnitt befriedigen soll. Er kann niemals der beste sein. Das Außergewöhnliche, das Avantgardistische macht jedoch den Reiz der Mode aus, er solte mit sicherem Instinkt rasch aufgegriffen werden. Mode ist ein Wechselspiel, ein Wagnis. Ihr Kulminationspunkt bedeutet schon ihr Ende. Wann es auch heute von Saison zu Saison nur kleine Variationen sind, die das Neue ausmachen, so ist es um so reizvoller, es aufzuspüren und die Verwandlung einzuleiten. Doch der Handel und die deutschen Einkäufer richten sich sklavisch nach dem, was einmal Erfolg gehabt hat, und hetzen es zu Tode. Sie wollen sichergehen. So spreizen sich in allen Schaufenstern noch die nadelspitzen Schuhe auf hohen Absätzen, während Paris, das für den Winter Tweed in grober Struktur inthronisiert hat, bereits den Trotteur bringt, mit drei Zentimeter breiter Spitze und halbhohen Absätzen. Ein spitzer Schuh zum Tweed und überhaupt am Vormittag ist eine Sünde wider den Geist der Mode. Der Trotteur ist sportlich und trotzdem zierlich, kein Reformschuh in der Form einer holländischen Schute auf dem Rhein. In dieser übertriebenen Form ein Mißverständnis sind auch die hochtoupierten Ballonfrisuren, wie man sie nur bei uns sah und noch immer sieht.

Jetzt wird bei uns eine neue, noch höhere Form des Bowlers mit dem runden Kopf lanciert, ein durchaus altes Eisen, und man übersieht, daß überall im westlichen Ausland der Turban getragen werden wird oder eine strenge Kappe. Eine Bildunterschrift wirkt typisch: „Prinzessin Margaret mit einem merkwürdigen Hutgebilde...“ Es handelt sich um einen großen Breton, der seit dem vergangenen Frühjahr auf dem Markt der Eitelkeiten letzter Schrei ist. Zu uns hatten sich einige kleinere Einzelgänger verirrt, in jener Form eines rundum aufgeschlagenen Kinderhütchens, das ältere Damen als „jugendlich“ empfinden. Der echte Breton, Matrosen-Strohhut im vorigen Jahrhundert, besitzt jedoch, ziemlich geradegesetzt, den herben Charme eines Modells von Barthet zu einem Kleid von Givenchy. Die existentielle Angst unserer Einkäufer vor dem Neuen erkennt man am besten daran, daß der halsferne Kragen, den die Bardot schon vor Ewigkeiten im Film zeigte, sich jetzt erst allgemein durchsetzt. Wie gesagt: zu spät!

Das Aktuelle wird mutlos gemieden. Wir haben unter dem unsicheren Geschmack jener Männer oder Frauen zu leiden, die in den großen Modegeschäften einkaufen und sich dabei auf die legendären Wünsche einer Frau Jedermann berufen, der großen Unbekannten mit dem mauvais goût und dem Mangel an Dynamik. „In der Mode suggeriert das Angebot den Bedarf...“... Könnte man den magischen Teufelskreis nicht einmal durchbrechen und den Satz umkehren? Es ist doch sogar den Teenagern gelungen, ihre eigenen Gedanken über Kleider den Fabrikanten zu oktroyieren. In keinem Fall darf das Billige die Gesetze aufstellen. Das eigentliche Problem liegt in der Schwerfälligkeit der Fabrikanten und Händler.

Viele gute Ideen gehen in Paris einfach unter, ohne daß wir, die eigentlichen Beteiligten, etwas davon erfahren. Sie werden nicht akzeptiert, man erschrickt vor Eleganz und Einfachheit. Und vor dem Neuen. ALIX