Johnson City, Ende Dezember

Stärkung des Bündnisses – auf diese Formel war die erste Arbeitsbesprechung des neuen amerikanischen Präsidenten und des neuen deutschen Bundeskanzlers gestimmt. Lyndon Johnson empfing Erhard zwischen den Feiertagen auf seiner Ranch in Texas, die für die wichtigen Gespräche einen sehr ländlich-privaten Rahmen bot – in einer Gegend übrigens, wo noch heute einige Landgemeinden halb deutsch, halb englisch sprechen. Selbst das Wetter war ungemein freundlich. Seit Jahren hat es eine so harmonische Kulisse für das persönliche und politische Einvernehmen zwischen den Führern der beiden größten westlichen Nationen nicht mehr gegeben.

Es klang wie ein Mißton aus vergangenen Zeiten, als Bundespressechef von Hase in etwas unglücklicher Weise immer wieder, eine Bemerkung Erhards herausstellte: „Die Erfahrungen mit Anstrengungen, das Ost-West-Verhältnis zu verbessern, seien nicht ermutigend.“ Zwar versuchte Pierre Salinger, der Sprecher des US-Präsidenten, seinem deutschen Kollegen erläuternd beizuspringen, aber unter dem Fragefeuer der Korrespondenten geriet der Satz, der für sich genommen zutrifft, aus aller Proportion und erschien schließlich wie ein deutsches Veto gegen west-östliche Entspannungsbemühungen. So war er indessen gewiß nicht gemeint.

Der interessanteste Fortschritt der Begegnung auf der LBJ-Ranch ist vielmehr darin zu sehen, daß Johnson einerseits ausdrücklich versicherte, er werde nichts tun, was den Status quo in Deutschland „einfrieren“ lasse, andererseits jedoch den Bundeskanzler und Außenminister Schröder in der Absicht bestärkte, ein besseres Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und ihren östlichen Nachbarn zu suchen. Die neue US-Regierung geht in ihrem Verständnis für die deutschen Sorgen sehr weit, tut das aber im Vertrauen darauf, daß die Bundesregierung von sich aus nach Osten eine Politik der Beweglichkeit treiben und überdies sich künftig amerikanischen Entspannungsversuchen ohne Mißtrauen anschließen wird.

Zwischen Bonn und Washington soll es in Zukunft ähnliche Konsultationen geben, wie sie der Elysée- Vertrag zwischen Bonn und Paris vorsieht. Darin drückt sich ein amerikanisches Vertrauen zu Deutschland aus, wie es seit den Zeiten von Adenauer und Dulles nicht mehr bestanden hat. Es versteht sich, daß die Amerikaner damit auch dem bündnisfeindlichen oder bündnisfremden Verhalten de Gaulles entgegenwirken wollen: Es soll verhindert werden, daß eine Achse Bonn–Paris ohne Rücksicht auf Washington und die übrigen Partner um sich selbst rotiert.

Die wirtschaftspolitischen Fragen, die dem Verhältnis zwischen EWG und USA galten, waren substantiell die wichtigsten der Gespräche. Auch hier fügten sich die Dinge glücklich. Landwirtschaftsminister Freeman und der ehemalige Außenminister Herter, der Verhandlungschef der „Kennedy-Runde“, waren aus Washington herbeigeholt worden. Dem Bundeskanzler zollten die Amerikaner nicht nur als dem Vater des deutschen Wirtschaftswunders Achtung, sondern auch als unerschrockenem Steuermann im Strom der Brüsseler Differenzen. Johnson fand großen Gefallen am Vermittlungsgeschick und an der vertrauensvollen Geradlinigkeit Erhards, von dem eine Lokalzeitung in Texas schrieb, er sehe aus wie ein gutrasierter deutscher Nikolaus.

Das Fernziel der deutsch-amerikanischen Wirtschaftspolitik ist eine atlantische Freihandelszone. Erhards Sinn für Balance wurde von den Amerikanern voll respektiert. Die Liberalisierung, der Abbau von Zöllen zwischen den Wirtschaftsgebieten der EWG-Länder und der USA, kann und soll nicht übers Knie gebrochen werden. De Gaulles Widerstand wird durch das deutschamerikanische Einverständnis auch auf diesem Gebiet geschwächt.