Man wird demnächst wohl auch in der Bundesrepublik den Film „Les Animaux“ zu sehen bekommen, den der Franzose Frédéric Rossif gedreht hat: „Die Tiere“. Es gibt darin aufregende Szenen, die in der sogenannten Abteilung Pavlov des Moskauer Zoologischen Gartens gedreht wurden. Aufregend aber sind diese Szenen deshalb, weil nichts passiert.

Ein gelber Löwe, majestätisch von Angesicht, lebt gemeinsam mit einem weißen, heiteren Zicklein. Und nichts passiert! Ein Wolf haust mit einem Schaf im selben Käfig. Und nichts passiert! Dabei erdreistet sich das Schaf zuweilen, ihn in die Rippen zu boxen – in aller Freundschaft wohlverstanden. Der Tiger hat jahraus, jahrein sein Tête à tête mit einer Hirschkuh. Aber in keinem Augenblick ihres gemeinsamen Lebens wurde sein Appetit auf sie angeregt. Sie schlafen, speisen, spielen selbander. Und nichts passiert.

Es liegt nun nahe, das Animalische gegen das Humane, das tierische gegen das menschliche Verhalten auszuspielen und zu behaupten: „Die Tiere sind doch bessere Menschen!“ Und wer sich hier ein Beispiel nehmen will, mag’s unverdrossen tun.

Darüber hinaus aber ist darauf hinzuweisen, wieso es im Moskauer Zoo zu dieser Ko-Existenz gekommen ist. Durch Ko-Edukation nämlich! Seit zwanzig Jahren – denn so lange dauern schon die friedlichen Experimente, die bisher keinen Fehlschlag gezeitigt zu haben scheinen – wachsen jeweils im gleichen Lager die Wilden und die Sanften, die Löwen und die Schäflein auf. Sie schlafen im selben Gehege.

Sie fressen zwar nicht dasselbe, aber aus demselben Trog, und jeder läßt dem andern das Seinige. Die Ziege neidet dem Tiger nicht das Fleisch, und der Löwe hat keine Lust, dem Schaf das Gras wegzunehmen. Doch während sie auf diese Weise ohne Intrigen ihre Integration betreiben und beispielhaft vor Augen führen, daß es, wenn man nur lange genug in derselben Umwelt lebt, ein Leichtes ist, sich zu verständigen, erhebt sich rein menschlich die Frage: „Und der Charakter? Die Persönlichkeit? Liegt es nicht zutiefst im Eigenwesen der Großen, die Kleinen aufzufressen?“

Paul Scherbart hieß der Dichter, der schon um die Jahrhundertwende den treffenden Vers gefunden hat:

„Charakter ist nur Eigensinn! Es lebe die Zigeunerin!“