Von Horst Fuchs

Vor dreißig Jahren dachte man hierzulande beim Wort Fähre mehr an schaukelnde Boote auf deutschem Strom als an die Trajekte zwischen Warnemünde und Gedser oder Saßnitz und Trelleborg.

Vor fünfzehn Jahren dachte man gar nicht an Fähren, auch nicht an die Trajekte.

Vor zehn Jahren begann es mit der Bundesbahn anders zu werden: Sie setzte ihre erste Fähre nach Dänemark ein: „Deutschland“. „Theodor Heuss“ folgte. Seitdem aßen sich Millionen zwischen Großenbrode und Gedser durch, auch auf dänischen Fähren.

Neben den Großen aus Großenbrode nahmen sich andere bescheidener aus. Die schwedischen Staatsbahnen fahren seit 1953 nur im Sommer zwischen Trelleborg und Travemünde; die Linie Kiel–Korsör wurde wieder eingestellt, ebenso die Linie Travemünde–Stockholm. Die Sommerlinien von Travemünde nach Kopenhagen, Helsinki und Bornholm hingegen schlugen ein. Dann eröffnete 1961 der Norweger Anders Jahre die Linie Kiel–Oslo mit „Kronprins Harald“, einer Fähre, die nicht nur mit Passagieren und deren Autos, sondern auch mit Lastwagen und exportierten Autos fährt. Export mit der Fähre: Eine Strukturänderung? Wird man eines Tages nicht mehr laden und löschen, sondern auf- und abfahren? Vor einem Jahr erklangen die ersten Fähr-Superlative. Der Hamburger Reeder Johann Reinecke setzte das „schnellste Schiff zwischen Trelleborg und Travemünde“ ein: „Nils Holgersson“. Kurz darauf kaufte die finnische Reederei Finnlines in Hamburg ein halbfertiges Schiff, baute es zur „Hansa-Expreß“ erst aus, dann um und warb mit der „schnellsten Verbindung über Wasser zwischen Finnland und dem Kontinent“: Travemünde–Hanko via Gotland.

Vierzehn Tage nach Eröffnung der Vogelfluglinie in diesem Jahr tauchte im verlassenen Hafen von Gedser die „modernste Fähre der Ostsee“ auf: „Gedser“ heißt sie, dem Norweger Ragnar Moltzau gehört sie und aus Lübeck stammt sie. Das Schiff beförderte in den ersten drei Monaten zwischen Travemünde und Gedser über 115 000 Passagiere. Die „Gedser“ fährt auch im Winter ihre Route.

Die Lübecker kamen allerdings mit dem Kaibau kaum nach. Der neue Skandinavien-Kai in der Siechenbucht ist weiter Baustelle. Nächste Einweihung: Ein Skandinavien-Restaurant. Und für Lübecks Passagierhafen Travemünde wird 1963 das Jahr der „bisher meisten Passagiere“ werden: Man wird auf über 300 000 kommen. Vor zwei Jahren war man froh, wenn man 90 000 erreichte.