Wie weiter nach dem Passierschein-Abkommen?

Hunderttausende von Westberlinern haben in den vergangenen Tagen „mit den Füßen gestimmt“. Ihr überwältigendes Votum muß all jene mißgünstigen Zweifler verstummen machen, die seit einiger Zeit mit der bösen Behauptung hausieren gehen, in Wahrheit wollten die Deutschen ja längst nicht mehr zueinander. Sie wollen es. Ludwig Erhard hat nur ausgesprochen, was wir alle fühlen: „Das ganze deutsche Volk ist eine Familie.“ Die Abstimmung mit den Füßen war zugleich eine Abstimmung mit dem Herzen.

Wie unsere Welt beschaffen ist, wird freilich dies Humanum, das sich an der Berliner Mauer so eindringlich enthüllte, immer auch als Politikum gesehen werden müssen. An solch nüchterner Sicht hat es in den beiden zurückliegenden Wochen, da die Gefühle – wie verständlich! – stärker waren als der wägende Verstand, vielleicht gemangelt. Jetzt aber muß der Abstimmung des Herzens die Entscheidung des Kopfes folgen. Wollen wir den Weg weitergehen, den wir mit dem Passierschein-Abkommen vom 17. Dezember beschritten haben?

Es wäre falsch, sich etwas vorzumachen: Dies ist ein neuer Weg. Nicht der Weg Konrad Adenauers, nicht der Barzels, Krones, Brentanos. Es ist, obwohl Erhard, Schröder und Mende ihn mitvermessen und gutgeheißen haben, im wesentlichen der Weg, den Willy Brandt, sein Pressechef Bahr und sein Innensenator (und Kronprinz) Albertz lange Zeit vergebens anpriesen: ein Umweg zum wiedervereinten Deutschland.

Der direkte Weg zur Wiedervereinigung, mögen ihn manche auch immer noch propagieren, ist versperrt. Der Wille der Sowjets, gestählt von der Atombombe, blockiert ihn. Die Lösung der deutschen Frage ist nicht um die Ecke. Spätestens seit dem Bau der Mauer im August 1961 wissen wir das. Und wir wissen, daß wir weder Mauer noch Stacheldraht im frontalen Ansturm werden zu Fall bringen können.

Sollen wir deswegen aber die Hände in den Schoß legen? Sollen wir auf alle Möglichkeiten verzichten, Übergangsregelungen zu suchen, welche die Zustände im geteilten Berlin und im geteilten Deutschland wieder menschlicher werden lassen? Sollen wir von Interimslösungen, von Teillösungen absehen, die über die Teilung in Unmenschlichkeit hinausführen – bloß weil wir die Wiedervereinigung nicht gleich und nicht ganz haben können? Weil etwa die Menschlichkeit im juristischen Kalkül unserer Politik, in der Summe der berechtigten, aber hoffnungslosen Ansprüche keinen Platz findet? Es wäre dies die Bankrotterklärung der Staatskunst, die Kapitulation vor der Aufgabe, in deutscher Sache deutsche Politik zu machen.

Willy Brandt und die Männer in seiner Umgebung wehren sich seit langem gegen solchen Defaitismus, der seine Kläglichkeit allzuoft mit den Phrasen der Intransigenz bemäntelt. Die Mauer war für sie von Anfang an eine direkte Herausforderung. Wenn sie schon nicht abzureißen war, so mußte sie doch wenigstens unterlaufen werden können, mußte sie wieder durchlässig werden. In dieser Erkenntnis beschloß der Berliner Senat schon Ende 1961, ohne Rücksicht auf Prestigegesichtspunkte, über die Passierscheinfrage zu verhandeln.