Von Marcel

westlich der Elbe erfahren können, was die deutschen Dichter östlich der Elbe zu sagen haben? Die Frage mag paradox und provozierend klingen. Aber die Tatsachen sind nicht zu übersehen.

Und Tatsache ist, daß bundesrepublikanische Verleger im Jahre 1963 Lyrikbände, Romane, dramatische Arbeiten und Nachdichtungen von Erich Arendt, Manfred Bieler, Peter Hacks, Peter Huchel, Günter Kunert, Christa Reinig, Anna Seghers, Ehm Welk und Arnold Zweig ediert haben.

Außerdem erschien 1963 eine für den Schulunterricht in der Bundesrepublik bestimmte Sammlung „Gedichte von drüben – Lyrik und Propagandaverse aus Mitteldeutschland“, die neben Proben aus dem lyrischen Werk von Hüchel, Kunert und Christa Reinig unter anderem auch Arbeiten von Becher, Bobrowski, Fühmann, Hermlin, Kuba, Maurer, Strittmatter und Zimmering enthält.

Tatsache ist es, daß die Herausgeber der 1963 in der Bundesrepublik publizierten Anthologien deutscher Lyrik und Prosa in der Regel die jenseits der Elbe ansässigen Autoren berücksichtigt haben – auch wenn es sich meist nur um wenige Beispiele handelt. In früheren Jahren war dies hierzulande keineswegs selbstverständlich.

Tatsache ist ferner, daß sich die großen westdeutschen Zeitungen 1963 für die Literatur der DDR mehr als vorher interessiert haben.

Tatsache ist schließlich, daß im Jahre 1963 zwei wichtige bundesrepublikanische Literaturpreise an Autoren aus der DDR vergeben wurden. Nachdem bereits im Herbst 1962 die „Gruppe 47“ ihren Preis dem Ostberliner Lyriker Johannes Bobrowski (dessen Bücher 1961 und 1962 hier erschienen waren) zuerkannt hatte, wurden 1963 Peter Huchel mit dem Theodor-Fontane-Preis des Landes (West-)Berlin und Christa Reinig mit dem Rudolf-Alexander-Schröder-Preis der Freien und Hansestadt Bremen ausgezeichnet.