In der letzten Woche des alten Jahres haben die Vereinigten Staaten zwei neue Raketenbatterien vom Typ Titan II und ein weiteres Polaris-bestücktes Atom-U-Boot in Dienst gestellt. Die „Raketen-Lücke“ von 1960 ist nur noch eine ferne Erinnerung: Die strategische Raketenmacht der USA ist der russischen Anfang 1964 vierfach überlegen.

In den Wehrministerien der westlichen Welt wurden vorige Woche die Zahlen studiert, die US-Verteidigungsminister McNamara vor den Feiertagen im NATO-Rat zitiert hatte (siehe Schaubild). Weitere Angaben aus seinem statistischen Kolleg über das Stärkeverhältnis zwischen Ost und West:

  • Über 2000 atomare Gefechtsköpfe (von „einigen Zehntausend“) sind bei den strategischen Vergeltungseinheiten der USA sofort einsatzbereit (doppelt so viele wie vor zwei Jahren).
  • 500 Fernbomber befinden sich ständig in der Luft oder sind binnen Minuten startbereit.
  • Die taktischen Atomwaffen wurden vervielfacht; ihre Zahl in Europa seit Anfang 1961 um 60 Prozent erhöht, ihre „Megatonnage“ verdoppelt.
  • Planung für 1967: Verzehnfachung der Abschußrampen, für Fernraketen auf amerikanischem Boden – auf über 1700; 41 Atom-U-Boote.

Ebenso bedeutsam wie diese Ankündigungen McNamaras, aber offenbar nicht ganz so unumstritten, war seine Erklärung, daß die Sowjetunion nicht länger als „konventioneller Goliath“ betrachtet werden dürfe, dem der westliche David „bar jeglicher konventioneller Waffen gegenübersteht, lediglich mit seiner nuklearen Schleuder ausgerüstet.“

Die Zahl von 175 Sowjetdivisionen, mit der im Westen seit anderthalb Jahrzehnten operiert wird, verwerfen die Amerikaner heute als irreale Gespenster-Ziffer. Wer noch immer von dieser Zahl ausgehe, übersehe zweierlei:

a) daß nur die Hälfte der Sowjetdivisionen in voller Stärke unterhalten wird, die übrigen nur als „Kader-Divisionen“ stehen; und daß

b) die sowjetische Division viel kleiner ist als die NATO-Division (10 000 bis 13 000 Mann statt 30 000).