Von René Bayer

Berlin, Ende Dezember

Die Menschen in der geteilten Stadt sind durch die Ereignisse der letzten zwei Wochen aufs tiefste aufgewühlt. Am Antang standen die Tage de. fürchterlichen Durcheinanders an den Passierscheinstellen, die von den Ostberliner Gazetten trotz der anderslautenden Vereinbarung beharrlich „Passierscheinstellen der DDR in Westberlin“ genannt werden. Dann kam eine Erleichterung dadurch, daß die Postangestellten der DDR von hundert auf zweihundertachtundfünfzig vermehrt wurden, und schließlich peitschten die Schüsse der Grenz-Polizisten über den Mariannenplatz und verlernen den Elektrolehrling Paul Schultz tödlich. Die Berliner hatten zwar die Realität der Mauer in; nächtelangen Wartezeiten auf das deutlichste verspürt, aber daß die in diesen Weihnachtstagen so freundlich gewordenen Grenzpolizisten auch wieder geschossen haben, hat erneut den Schrecken von Ulbrichts Staatsgrenze mitten durch die Stadt offenbart.

Dennoch überwog die Sehnsucht nach dem Wiedersehen, und der Senat ließ zwar die Höflichkeitsvisite eines Oberregierungsrates an den Ostberliner Übergangsstellen, nicht aber die Kontaktgespräche absagen.

Der Regierende Bürgermeister würde ungern auf die Politik verzichten, die mit dem „Berliner Protokoll“ ihren Anfang nahm. Er hat die öffentliche Meinung seiner Stadt, so erregt sie in diesen Tagen auch war, fest hinter sich. Es kann keine Rede davon sein, daß Ulbricht heute etwa das erreicht hatte, was er durch sein eigens für die Westberliner erlassenes Verbot vom 13. August 1961, nach Ostberlin zu fahren, erreichen wollte.

Es wird auch nach dem fünften Januar keinen Marsch der Westberliner zum Schöneberger Rathaus geben, um Brandt zur Fortsetzung der Gespräche mit der Regierung der DDR zu zwingen. Sollte die „andere Seite“, wie es in dem neuen Sprachgebrauch heißt, für neue Vereinbarungen die schon erarbeitete Kontaktgrundlage durch neue Forderungen erweitern wollen, könnte Brandt das Steuer ohne weiteres herumwerfen. Nur wäre dann der erste zaghafte Versuch einer Entspannung auf Berliner Boden für lange Zeit zunichte gemacht.

Im Schöneberger Rathaus ist man sich durchaus bewußt, daß das neue politische Rezept Wandlung durch Annäherung“ auf Gegenseitigkeit beruht. Nicht nur wir, sondern auch die Kommunisten wollen durch Annäherung eine Wandlung der Gegenseite bewirken. Und dabei sollte nichts darüber hinwegtäuschen, daß Kommunisten, wenn sie einige ihrer Gedanken revidieren, nicht aufhören, Kommunisten zu sein. Die Männer des Politbüros der SED haben – ob spontan oder auf „gute Ratschläge“ hin – eine begrenzte taktische Wende vollzogen. Schon im August ließ Ulbricht durchblicken, daß er den Zusammenhalt der Familie wieder anerkennt – diese Familie aber gleichsam für sich in Anspruch nimmt. Damals „annektierte“ er kurzerhand die Flüchtlinge, die seinem Staat den Rücken gekehrt hatten. Sie sollten nicht mehr Landesverräter, sondern nur „zeitweilig in Westdeutschland lebende Bürger der DDR“ sein. Sogar die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen, die vor dem Erlaß des Strafgesetzes gegen Republikflucht vom 11. Dezember 1957, und denen, die danach fortgingen, hat er für die Berliner Verwandtenbesuche nicht mehr aufrecht erhalten. Man darf also damit rechnen, daß demnächst auch für Besucher aus der Bundesrepublik der neue Stichtag, nämlich der 13. August 1961, in Kraft treten wird. Denn das ist Ulbrichts wirkliche Wende, die in diesen Tagen deutlich wurde: Die Familien sollen wieder zusammenkommen, er will sie nicht mehr trennen und die im Westen lebenden Angehörigen nicht mehr wie bisher abstoßen. Er will vielmehr alle gewinnen. Dies ist vielleicht das wichtigste kommunistische Ziel beim „Wandel durch Annäherung“.

Zur Familie gehört aber eben auch das Weihnachtsfest, und so kam es denn, daß dieses Jahr bei den Kommunisten Weihnachten ganz anders begangen wurde als je zuvor. Noch nie klangen bei den kommunistischen Rundfunksendern so viele Glocken wie in diesen Tagen, noch nie erstrahlten so viele Kirchen im hellen Licht der Scheinwerfer, damit sie deutlich und stimmungsvoll auf die Bildschirme gelangten, noch nie hörte man so viele Sängerknaben. Die kommunistischen Sender dienten stundenlang der Weihnachtsfreude. Gewiß, man vermied es, vom Christfest oder vom Christkind zu sprechen, aber man arrangierte alles doch so, daß kein Christ verletzt wurde. Und zum Weihnachtsabend servierten die SED-gesteuerten Sender sogar einen leibhaftigen Bischof. Sie hatten zwar den von Ulbricht und seinem Staatssekretär für Kirchenfragen bevorzugten Bischof von Thüringen, Mitzenheim, gebeten. Der Sprecher, der ihn ankündigte, vergaß auch nicht zu erwähnen, daß Mitzenheim den „Vaterländischen Verdienstorden in Gold“ besitzt – aber ein Bischof ist er trotzdem, und bei aller Bereitwilligkeit, an Staatsfeiertagen zu erscheinen und sogar zu sprechen, hat er es bisher strikt abgelehnt, etwa Ratsvorsitzender einer „evangelischen Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik“ zu werden.