China bietet Parolen aber keine Devisen

Von Dietrich Strothmann

Der Szenenwechsel war perfekt wie auf der Drehbühne eines Theaters. Kaum hatte der Mann aus Peking den afrikanischen Schauplatz betreten, die ersten Hände geschüttelt, seine Begrüßungsreden gehalten – da meldete sich flugs auch schon der Mann aus Moskau an. Nur einen Tag war Rotchinas Ministerpräsident Tschou En-lai in Kairo, der ersten Station seiner zweimonatigen Good-will-Reise durch Afrika und Südostasien, als sich der sowjetische Botschafter bei Nasser einfand und Chruschtschow ankündigte, auch er werde, im Frühjahr 1964, dem dunklen Erdteil einen Besuch abstatten. Und während Tschou am vierten Tag seines Aufenthaltes am Nil den Assuan-Staudamm besichtigte, traf sich der sowjetische Stellvertretende Außenminister Sergej Lapin mit dem ägyptischen Staatschef.

Doch damit nicht genug. Mit unverhohlenem, kaum unterdrücktem Vergnügen verbreiteten Mitglieder der russischen Botschaft in Kairo, Tschou habe bei seinen drei Gesprächen mit Nasser nichts ausrichten können, er sei kaum zu Wort gekommen. Schon vor der Ankunft des Rotchinesen hatten sie eifrig mit Anzeigen in ägyptischen Zeitungen für preiswerte Chruschtschow-Schriften geworben.

Das gleiche Spiel wiederholte sich dann, als der Reisende aus Peking zur Weiterfahrt nach Algier aufbrach. Um ihm auch dort die „Schau zu stehlen“, gewährte der sowjetische Ministerpräsident zuvor den beiden algerischen Zeitungen „Le Peuple“ und „Algerie Republicain“ Interviews. Darin verteidigte er nicht nur seine Idee von der friedlichen Koexistenz; er schimpfte auch ganz im Sinne Ben Bellas und, ehe noch dessen chinesischer Gast an Ort und Stelle dasselbe sagen konnte, über die „Imperialisten und Neo-Kolonialisten“, die Südkorea und Formosa „beherrschten“.

Warum dieser Wettlauf zwischen Ost und Ost in Afrika? Müssen die Sowjets etwa fürchten, daß ihre „chinesischen Brüder“ nun auch hier versuchen, ihnen das Wasser abzugraben. Hat sich Tschou En-lai aufgemacht, in Guinea, Mali und Somalia nach Bundesgenossen im ideologischen Streitgetümmel mit Moskau zu suchen.

Einige, wenn auch keineswegs spektakuläre Erfolge kann Peking immerhin schon für sich buchen. 1955 wurden Moskaus Vertreter von der Bandung-Konferenz ausgeschlossen. Im April 1963 mußten die sowjetischen Delegierten auf Einspruch der Rotchinesen die afro-asiatische Journalistenkonferenz in Djakarta verlassen. In der UN kam es unlängst zwischen afrikanischen Delegierten und dem sowjetischen Chefdelegierten Fedorenko zu einem offenen Krach, weil er zunächst gegen eine Erweiterung des Sicherheits-, Wirtschafts- und Sozialrates gestimmt hatte. Nur, so hatte der Russe verlangt, wenn die afrikanischen Bewerber um diese Sitze auch für eine Aufnahme Pekings in die Weltorganisation stimmten, ließe Moskau mit sich reden. Die Rotchinesen aber sagten den Sowjets auf den Kopf zu, sie trieben ein „hinterhältiges Spiel“. Auch in Karatschi, wo kürzlich die afrikanischasiatische Wirtschaftskonferenz (Afrasec) tagte, mußte Moskau eine Schlappe hinnehmen, als Peking die Aufnahme der „russisch regierten“ Sowjetrepublik Usbekistan in die Organisation ablehnte.