Von Petra Kipphoff

Daß James Joyce Ire war, wird auf Befragen jeder zugeben, der ein paar Seiten von ihm gelesen oder sich auch nur den Titel einer seiner Novellensammlungen gemerkt hat: „Dubliners“.

Dennoch ist die Assoziation von Joyce und Irland nicht so selbstverständlich wie etwa die von Hemingway und Amerika, die von Somerset Maugham und England. Joyce ist nicht als Dichter Irlands, sondern als Protagonist einer Romantechnik weltberühmt geworden. Und die unselige Geschichte dieses Landes, die eine kontinuierliche Entwicklung nie erlaubte, hat ihren Anteil daran, daß Namen immer nur einzeln dastehen, nie sich zu einem weiterreichenden Zusammenhang fügen wollen. So mag es naheliegen, keine großen Umstände zu machen und die irische Literatur in einem Atem mit der englischen zu nennen. Aber genau das kann man nicht machen. Die Lage ist nämlich umgekehrt: Ohne den seltsamen Geistlichen Laurence Sterne, ohne den schillernden Oscar Wilde, ohne den bärbeißig brillanten George Bernard Shaw und andere wäre die englische Literatur genau um jene Gestalten ärmer, die ihr erst die Dimension der Eigenwilligkeit gegeben haben, für die Männer wie Milton nicht zuständig waren. Irland ist nicht irgendein Land, dessen Paß Joyce mit sich herumtrug, sondern der Boden einer der originalsten europäischen Literaturen. Und ebenso wie Joyce gehören zu ihr (die rund zwanzig Jahre später geborenen) Frank O’Connor, Liam O’Flaherty und Sean O’Faolain (sprich: Schoan O’Foulen).

Wenn man ein Dutzend irischer Kurzgeschichten liest, dann mag man zwar Joyces „Die Toten“ für die beste von ihnen halten. Aber Frank O’Connors „Lange Straße nach Ummera“ auch. Und Anthony Wests „Stromes Ende“. Und George Moores „Heimweh“. Und...“

Überhaupt scheint die Kurzgeschichte die ursprüngliche Form der irischen Literatur zu sein. Und so wirkt auch ein Roman, der siebenundzwanzig Jahre brauchte, bis er ins Deutsche übersetzt wurde – – nicht wie ein stabiler Roman, sondern, obwohl er ein ganzes Menschenleben umfaßt, eher wie eine zart konturierte Novelle. Der Baumeister Crone, ein alter Mann, der den frühen Morgen liebt, wo die Menschen noch nicht, und den späten Abend, wo sie nicht mehr sichtbar sind, rekapituliert sein Leben. Schon ganz früh, als er in einem Alter war, dem eigentlich noch Narrenfreiheit zugestanden wird, entschied sich sein Schicksal. Durch ungestümes und egoistisches Verhalten wurde er schuld an dem Tod der schönen Elsie, seiner Jugendgeliebten, und sonderte sich seit diesem Tag von den Menschen ab, verweigerte sich Vergessen und ein bürgerliches Glück: „Indem ich dem Leben Trotz bot, habe ich das Leben verleugnet, und das Leben hat mich verleugnet. Ich habe mir meine karge Freiheit bewahrt, aber nur sicut homo sine adiutorio, inter mortuos liber – ein Freier unter den Toten.“

Dieser Roman spielt erstens in Irland (in O’Faolains Heimatstadt Cork), ist zweitens eine Liebesgeschichte und drittens die Geschichte eines Außenseiters. Was bei solchen Ingredienzen herauskommen kann, weiß man nur allzu gut: Liebesgeschichte mit unglücklichem Ende vor heimatlich kolorierter Kulisse zeitigt einen verbitterten (oder dekorativ geläuterten) Knasterbart als Ergebnis. Daß das nicht so ist, verdankt der Roman der (sehr irischen) Seh- und Darstellungsweise Sean O’Faolains. Realismus und Poesie entfalten sich in gleichem Maße und mit gleicher Intensität vor einem ebenso komischen wie lyrischen Hintergrund und ergeben ein Ganzes, für das sich in der außeririschen Literatur keine Parallelen finden lassen. So ist dieser Roman gerade deshalb keine Heimatdichtung, weil er nicht „typisch irisch“, sondern durch und durch irisch ist. So ist er keine sentimentale Liebestragödie, weil diese Liebesgeschichte trotz aller Poesie und Tragik nie ein unangenehmes oder einseitiges Übergewicht bekommt, weil ihr andere drastisch-komisch-traurige Ereignisse die Balance halten. So ist dieser Roman nicht die Geschichte eines Ritter Toggenburg oder eines Hagestolzes, denn Crone sühnt zwar seine Schuld, aber er bereut sein Leben nicht, im Gegenteil: „Hätte ich anders leben mögen? Nein! Nicht die geringste Kleinigkeit würde ich ändern wollen. Ausgenommen, daß ich einmal, eine Woche lang, meinen Sünden untreu war.“

Über den nouveau roman läßt sich streiten. Über Grass auch. Nicht über das Märchen, das Lied. Nicht über diesen Roman. Und gerade diese Eigenschaft hat er mit vielen anderen 6Werken der irischen Literatur gemeinsam.