Von Hildegard Hamm-Brücher

Dr. Hildegard Hamm-Brücher, 1921 in Essen geboren, hat in München Chemie studiert. Nach ihrer Promotion 1945 diente sie der „Neuen Zeitung“ drei Jahre lang als wissenschaftliche Redakteurin. Danach begann ihre politische Karriere. Seit 1950 vertritt sie die Freie Demokratische Partei im Bayerischen Landtag. Ihre ausgeprägte liberale Haltung hatte 1962 ihre Partei zu einem Streich animiert: Ihr Name wurde bei der letzten Landtagswahl auf den ziemlich aussichtlos scheinenden 17. Platz der Stimmkreisliste gesetzt. Sie erhielt dennoch die meisten Stimmen.

Das Gesetz bestimmt es: Mann und Frau sind in der Bundesrepublik gleichberechtigt. Hat nun aber auch die Frau in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft entsprechenden Einfluß? Gibt es Zeichen dafür, daß ihr, der gleichberechtigten Frau, der Aufstieg in politische, wirtschaftliche und öffentliche Machtpositionen gelungen ist? Hat die Gleichberechtigung spürbare Veränderungen im Stil des öffentlichen Lebens bewirkt?

Ich stelle diese Fragen, um damit ein gewisses ungewisses Unbehagen zu beschreiben, daß sich allerorten wieder einstellt: Da gibt es Klagen, die Frauen stünden aller Gleichberechtigung zum Trotz abseits, seien nach einigen vergeblichen Anläufen entmutigt, und es pflegen dann viele vernünftige Ratschläge zu folgen, was dagegen zu tun sei: Die Frauen müßten mehr Zeitungen lesen, Leserbriefe schreiben, mit Abgeordneten sprechen, in Elternbeiräten mitarbeiten, ihrer Macht bewußte Verbraucherinnen werden, in Parteien eintreten und vieles andere mehr ...

Wahrscheinlich liegt die bisherige Erfolglosigkeit nicht an den Ratschlägen, sondern daran, daß der Boden, auf den sie fallen sollen, nicht fruchtbar genug ist. Deshalb müssen wir zunächst zu ergründen und zu begreifen versuchen, weshalb Frauen zu wenig Zeitung lesen, weshalb sie keine Leserbriefe schreiben und weshalb sie ungern in Elternbeiräte gehen, weshalb sie die Annahme von öffentlichen Ämtern meiden, weshalb Frauen ganz allgemein ein so viel geringeres politisches Gewicht haben, als es ihnen der Zahl nach zukäme. Wo liegen die Ursachen hierfür, warum werden die ungezählten großen und kleinen Möglichkeiten, die die Gleichberechtigung bietet, nicht genutzt?

Ich glaube, es fehlt unserer Gleichberechtigung dreierlei, um wirklich lebendig wirksam zu werden:

Das positive und aktive Einverständnis der Gesellschaft – statt mehr oder weniger mißmutiger Gleichgültigkeit.