Alain Robbe-Grillets Artikel über die „Verfolgung des Schriftstellers durch die Politik“, zuerst in der Pariser Wochenzeitung „L’Express“ und dann (zusammen mit einer Erwiderung von Marcel Reich-Ranicki) in der ZEIT gedruckt, hat zwischen London und Moskau einiges Aufsehen erregt. In der „Literaturnaja Gaseta“ setzte sich Michail Kusnezow mit Robbe-Grillets provokant überspitzten Thesen auseinander, der Ostberliner „Sonntag“ tat es ihr nach, in der Hamburger „Welt“ gab es ein kleines Scharmützel, „L’Express“ setzt die Debatte demnächst mit einem Artikel des Spaniers Juan Goytisolo fort, und aus London meldet sich hier Erich Fried zu Wort – ihm wollen weder These noch Widerspruch recht gefallen.

Von zwei Polemikern zu unberechtigten Verallgemeinerungen ermutigt, könnte man sagen: Alain Robbe-Grillet gegen Marcel Reich-Ranicki, Literatur gegen Politik! Es wäre indes ein Irrtum. Was da rasselnd mit eingelegter Lanze aneinander vorbeisprengt, neckt sich zwar, ohne.sich zu lieben, aber verfolgt sich nicht.

Bei Robbe-Grillet kann von einem Durchdenken der Position kaum die Rede sein. Launenhaft, temperamentvoll, leichtfertig, sensitiv, mitunter fast demagogisch überspitzt, vielleicht, weil er von Zeit und Zeitgenossen irritiert ist und weil es ihm an Instanzen fehlt, die er noch anerkennen kann, begnügt er sich als Polemiker mit einer Denkweise und Ausdrucksweise, die er als Erzähler viel zu ungenau fände.

Reich-Ranicki wieder läßt sich vom gerechten Zorn über die Unverantwortlichkeit seines Provokateurs dazu verleiten, dem Schriftsteller Robbe-Grillet, zu dessen großen Verdiensten die Darstellung der Unverantwortlichkeit des Menschen gehört, ein wenig Unrecht zu tun und seiner unernsten Polemik manchmal Verallgemeinerungen entgegenzusetzen, die schon fast von Robbe-Grillet sein könnten.

Robbe-Grillet habe ich auf der Drama-Konferenz in Edinburgh, die bei weitem nicht sein letzter bisheriger Schriftstellerkongreß war, fast wörtlich all das sagen gehört, was nun in der ZEIT als Stoßseufzer vorgelegt wird, den ihm angeblich erst die vielen Schriftstellerkongresse abnötigten, auf denen die Literatur zu kurz kommt. Die Literatur freilich kommt auf den meisten Kongressen wirklich zu kurz. Das wissen wir alle, und Robbe-Grillet ist mitschuldig daran, denn seine Polemik gegen die „Engagierten“ ist genauso politisch und genauso unliterarisch wie etwa die Postulate der amtlich geeichten Apologeten des Sozialistischen Realismus, zu denen übrigens Brecht, die bete rouge Robbe-Grillets, nicht gehörte.

Dabei hätte doch Edinburgh Robbe-Grillet die Gefahren des versimpelnden Anti-Brechtismus lehren können. Er sekundierte Madame Marguerite Duras bei ihrer Warnung vor der Brecht-Gefahr. „Wir“, erklärte Madame Duras, „haben uns zusammengetan, um dem verderblichen Einfluß Halt zu gebieten, den Brecht auf so viele junge französische Dramatiker ausübt.“ Als aber ein Delegierter – aus Belgien, glaube ich – bat, doch die Namen einiger solcher vergifteter Nachwuchsschriftsteller zu nennen, schwieg Robbe-Grillet nicht minder tief als Madame Duras. Nun aber klagt er wieder laut und verallgemeinernd, daß man „uns mit Brechtscher Lehrhaftigkeit die Ohren volltönt“.